… ausgerechnet Strahlentherapie?

Da siehst du doch den ganzen Tag Leid? Ganz genau. Ich bin medizinisch – technische Radiologieassistentin (kurz MTRA; willst du mehr über den Beruf wissen? http://www.mtawerden.de/mtra-was-ist-das.html) in der Strahlentherapie. Mit Leib und Seele; ein anderer Beruf käme für mich nicht in Frage.

Um zu verstehen, wieso das so ist, müssen wir 21 Jahre zurückgehen – in den Sommer 1995. Es ist Juli. Ich bin acht Jahre alt und freue mich auf die Sommerferien; es ist das erste Mal, dass wir in unserem Caravan in Holland Urlaub machen werden! Eigentlich ist alles schön – ich habe eine intakte Familie, habe Freunde, mag die Schule. Ich nehme sogar freiwillig am Schülerlauf durch die Innenstadt meiner Heimatstadt teil, weil meine Freunde dabei sind. Nach dem Lauf geht es mir schlecht. Ich bin so schrecklich kaputt, obwohl ich doch Spaß hatte. Mein Kopf tut weh und ich will schlafen.

Die Schmerzen sind schnell wieder vergessen – vielleicht habe ich mich einfach überanstrengt; so richtig sportlich bin ich nicht. Mama nervt ein bisschen mit ihren ständigen Fragen, ob ich so viele blaue Flecken habe, weil ich mich mit Dennis aus meiner Klasse prügel. Als würde ich mich prügeln! Ich habe eben einfach viele blaue Flecken! Komisch nur, dass ich einen Handabdruck von Opa auf meinem Oberarm habe, nachdem er mich gedrückt hat. So feste war das doch gar nicht. Mama und Papa sagen, wir gehen besser mal zum Arzt; vor der Zeugnisvergabe lassen wir mich also untersuchen; mir wird Blut abgenommen und der Arzt sagt, er meldet sich. Ich freue mich einfach nur auf die Ferien. Weil ich so ein gutes Zeugnis habe, bekomme ich einen Plüschsimba. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue! „Der König der Löwen“ ist mein Lieblingsfilm und ich werde dieses Kuscheltier nie mehr hergeben!

Simba

 

Weil unsere Eltern noch einige Tage in ihrer Firma arbeiten müssen, bevor wir in den Urlaub fahren können, verbringen meine große Schwester und ich die ersten Ferientage im Freibad. Das ist nur fünf Minuten von zuhause entfernt, so dass wir alleine hin und zurück kommen. Als wir am zweiten Tag gerade aus dem Bad raus sind, hören wir, wie wir ausgerufen werden. Eigentlich ist das immer total cool, wenn Kinder ausgerufen werden, bei denen muss ja was los sein, aber wieso ruft man denn UNS aus?! Wir sind sowieso schon raus und auf dem Heimweg, also laufen wir weiter. Auf einmal kommt uns Papa mit dem Auto entgegen. Mit.dem.Auto. Das ist doch total doof, wir wohnen so nah dran. Wir fahren nach Hause und verstehen die Welt nicht mehr. Zuhause wartet Mama; sie sieht so traurig aus. Sie sagen mir, dass ich ins Krankenhaus muss. In eine spezielle Kinderklinik in einer anderen Stadt. Ich weiß nicht, was ich haben soll, aber ich weiß, dass es schlimm ist, wenn ich von zuhause weg soll. Ich will nicht weg. Ich klammere mich auf dem Teppich liegend ans Treppengeländer und halte Simba fest. Wir fahren trotzdem in die Kinderklinik. Mama darf mit mir da bleiben und den Blick auf den Friedhof genießen. Ich finde doof, dass ich in einem Gitterbett schlafen muss. Ich bin doch schon acht. Ich darf auch nicht alleine aufs Klo und nicht abschließen; eine Schwester bleibt immer vor der Tür stehen. Ich werde untersucht; ich habe keine Ahnung, wieviele Tage ich in der Klinik bleibe. Eines Tages jedoch soll ich verlegt werden; nach Münster. Noch weiter weg von zuhause. Ich werde mit dem Krankenwagen gefahren. Mit fremden Menschen. Meine Eltern dürfen nicht mit, sie müssen in ihrem Auto hinterherfahren. Die Rettungssanitäterin hat ganz dicke, weiche Brüste, die sich in den Kurven immer an meinen Körper pressen. Komische Situation. Als wir in der Unikinik Münster ankommen, ist das erste, was ich sehe, hässlicher, grün – blau gestreifter Teppich. Zur Begrüßung (oder zum Abschied vom Krankenwagenteam?) wird mir ein Teddy geschenkt. Zunächst ein blauer, weil sie denken, „Silja“ sei ein Jungenname. Ich stelle es richtig und bekomme einen rosa Teddy. Immerhin etwas zum Festhalten. Ich weiß immer noch nicht, was eigentlich mit mir geschieht, aber jetzt werde ich auf eine Station gebracht. Auf die Kinderkrebsstation. Ich habe Blutkrebs.

Die nächsten zwei Jahre vergehen wie in einem Rausch; Chemo hier, Chemo da, alleine in der Klinik sein, andere Kinder kennenlernen, einige sterben sehen. Nicht jede Familie schafft es so gut wie meine, viele zerbrechen. Nicht jedes Kind hat so viel Glück wie ich – so empfinde ich es. Blutkrebs – Leukämie – betrifft zwar den ganzen Körper, aber mir wird nichts amputiert. Die anderen Kinder sehen das anders. Ihren Krebs kann man einfach wegschneiden; meinen nicht. Ich verändere mich durch die Krankheit. Ich werde zynisch. Sarkastisch. Ich bin nicht mehr acht Jahre alt; mein Kopf ist soviel älter.

Im Juli 1997 kommt der Tag, an dem meine letzte Untersuchung ansteht. Der Tag, an dem ich erfahre, ob ich es geschafft habe. Ich brauchte keine Stammzell – oder Knochenmarkspende; nur Chemo soll mich geheilt haben. Es ist der 28.07.1997 und ich bin offiziell krebsfrei.

Zu sagen, dass man Krebs hatte, ist komisch. Man erntet Mitleid, obwohl doch alles wieder gut ist und es zum eigenen Leben dazugehört wie für andere ein Beinbruch. Zu schreiben, wie das damals war, ist noch viel komischer; es ist alles schrecklich lebendig und manchmal wünschte ich, ich könnte mich nicht mehr so gut erinnern. Andererseits hat diese Erfahrung mich aber geprägt. Sie hat den Wunsch geweckt, Menschen in ähnlichen Situation zu helfen. Ihnen ihr Leid erträglicher zu gestalten. Als ich ein Jahr vor dem Abi zur Nachsorge in der Uniklink war, sah ich einen Aushang für die MTRA – Schule; es wurden noch Auszubildende für das nächste Jahr gesucht. Auf dem Aushang war ein Röntgenbild – für mich ganz klarer Anreiz, rauszufinden, was eine MTRA macht. In dem Moment, in dem ich las, dass man in der Strahlentherapie tätig werden und Krebspatienten durch die mehrwöchige Therapie begleiten kann, stand fest, was ich lernen will. Wo ich es lernen will, auch – natürlich in Münster. Obwohl ich schreckliche Tage dort verbracht habe, fühlt sich die Uniklinik für mich gut an. Mir wurde dort das Leben gerettet.

Ich hatte Zweifel, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Ich weiß nicht recht, warum; dieser Teil meines Lebens hat meine Persönlichkeit verändert und meine Entwicklung lange eingeschränkt; es gehört also zu mir. Vielleicht hilft nun aber dieser Bericht dabei, jemandem zu zeigen, dass nicht jede furchtbare Diagnose heißt, dass man stirbt. Man kann auch mal gewinnen. Und wer einmal gewonnen hat, der sollte versuchen, sein Leben so zu leben, wie er möchte. Wie das bei mir aussieht, erfahrt ihr in den nächsten Beiträgen – es gibt ein Potpourri aus Dingen, mit denen ich mein Leben so gestalte, wie es mir gefällt.

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36 Gedanken zu “… ausgerechnet Strahlentherapie?

  1. Den Eintrag habe ich erst jetzt gesehen durch deine Verlinkung in einem der letzten Beiträge. Ich bin nun noch froher, deinen Blog gefunden zu haben. Mein Bruder hatte ebenfalls Leukämie, er hat es nicht geschafft. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie fertig er war, als ihm die Haare ausgegangen sind. Sie waren immer so wichtig für ihn – glücklicherweise stand ihm Glatze recht gut! Aber es geht um dich – ich bin froh, dass es dir gut geht! Züchte deine Haare, aber viel mehr: feiere das Leben! Es ist so schön ☺

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    1. Hey!
      Es tut mir leid, zu hören, dass dein Bruder es nicht geschafft hat.
      Ich weiß, dass ich großes Glück habe, noch zu leben, daher fällt mir das mit dem Leben feiern sehr leicht. 😉

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  2. Wow… dein Beitrag berührt so sehr. Ich bin gerade ganz sprachlos. Und finde es unglaublich schön und inspirierend, dass du heute als MTRA tätig bist … Hut ab. Ich bin sehr froh, dass du wieder gesund und fröhlich bist und deine Erfahrungen mit uns teilst.

    Fühl dich gedrückt,
    Nana

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    1. 🙂 Vielen Dank!
      Ich glaube, egal, wie genervt ich manchmal von der Arbeit bin, ein anderer Beruf als MTRA kommt für mich niemals in Frage; dazu kann ich zu gut weitergeben, was ich selber in meiner Behandlung gelernt habe. 🙂

      Liebe Grüße
      Silja

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  3. Wow! Jetzt lese ich immer wieder deinen Blog und finde erst jetzt diese Geschichte. Ich bin beeindruckt von deiner Offenheit – aber auch von deiner Kraft und deiner Entscheidung durch deinen Beruf Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen.
    Ich weiß nicht ob du meine Geschichte kennst. Ich erkrankte vor zwei Jahren plötzlich und litt ab diesem Zeitpunkt 24 h täglich an höllischen Schmerzen. Leider Diagnose- und aussichtslos. Ein langer Weg hat mich vom Abrund weggeführt und zurück zu meiner eigenen Kraft. Das war auch der Beweggrund für meinen Blog. Ich wollte anderen mit ähnlichen Erfahrungen meine Unterstützung in Form von Geschichten und Mentaltraining anbieten.
    Vl weißt du, dass ich immer wieder von mental starken Frauen berichte, die ihr Leben trotz Hindernissen meistern. Vielleicht hast du ja Interesse deinen Beitrag bei mir zu posten – inkl. Vielfachverlinkung zu deinem tollen Blog – versteht sich.
    herzliche Grüße Melanie – http://www.honigperlen.at

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    1. Nee, wusste ich noch nicht, ich habe ja so meine Probleme mit dem Lesen anderer Blogs. 😄 Irgendwie will ich tausend lesen und komme nicht dazu.
      Magst du mir über meine Fb – Seite eine Nachricht schicken? Dann können wir das da besprechen. 🙂

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  4. Du scheinst wirklich sehr stark zu sein! Und hast Mut, diesen Beitrag zu schreiben und „aller Welt“ deine Geschichte zu erzählen. Ich denke, dass dich diese wirklich schlimme Situation sehr stark gemacht hat! Vielen Dank, dass du deine Geschichte mit der Welt teilst.

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    1. Dankeschön! 🙂
      Ich finde, es ist wichtig, solche Erlebnisse zu teilen; ich habe mich lange sehr allein gefühlt mit meiner Erfahrung, bis ich lernte, dass noch viele andere Menschen Krebs haben und ich mich nicht dafür schämen muss.

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  5. Mit 8 Jahren so eine Diagnose zu bekommen ist schon echt heftig. Gut, dass du es so gut überstanden hast und dadurch sogar ein Weg für dein weiteres Leben entstanden ist.
    So blöd es klingt, ich glaube ja wirklich, dass solche Schicksalsschläge (sofern sie denn gut ausgehen) im Endeffekt immer ein Geschenk sind. Weil sich dadurch einiges klärt und es uns um so vieles stärker macht.

    LG Lexa

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