… sich selbst treu bleiben?

Sich selbst treu bleiben – das sagt sich so leicht. Oft ist es jedoch viel einfacher, sich anzupassen, um dazuzugehören, statt zu sich zu stehen und eventuell anzuecken.

Bei mir fing das Dilemma mit der Pubertät an; ich war vom sarkastischen, sehr direkten Krebskind (Hä? Wie, Krebskind? Lies diesen Beitrag: https://sojakoala.wordpress.com/2016/08/12/ausgerechnet-strahlentherapie/) zum nicht minder sarkastischen, sehr direkten Teenager herangereift. Mit meinem Charakter punktete ich so schonmal nicht bei den Klassenkameraden. Mit dem Aussehen, das zu diesem Zeitpunkt leider an Wichtigkeit gewinnt, auch nicht – ich nahm alles mit, was die Pubertät so im Angebot hat. Pickel, Zahnspange, fettige Haare und einen Körperbau, der noch nicht ganz wusste, ob er nun Mädchen oder Frau sein soll. Ausserdem war ich uncool. Ich wusste nicht, wie man cool ist und eigentlich war es mir auch egal; ich wollte aber dazugehören und auch mal Freunde haben!

Also fing ich an, mich anzuziehen, wie die Anderen es taten. Gefiel mir nicht wirklich und sah an mir auch blöd aus; man sah, im Nachhinein betrachtet, dass das nicht ich war. Ich passte mein Mundwerk so gut wie möglich an meine Umgebung an; nicht immer gleich zu sagen, wenn man etwas oder jemanden vollkommen hirnverbrannt fand, könnte vielleicht helfen. Der Plan ging auf – ich fand Freunde. Freundinnen, um genau zu sein. Eigentlich hätte mir klar sein sollen, dass das doof ist. Ich mochte Jungen schon immer lieber als Mädchen; mit ihnen war alles entspannter. Nichtsdestotrotz integrierte ich mich nun also in eine Clique. Ich fand sogar eine beste Freundin; das hatte ich seit der Grundschule nicht mehr geschafft. Für mich war alles ok so; ich war nicht sonderlich beliebt, aber ich hatte immerhin soziale Kontakte. Nunja – für meine Freundinnen sah das offenbar anders aus. Als sie von einer Kursfahrt zurückkamen, eröffneten sie mir unisono, sie seien nun nicht mehr meine Freundinnen, schließlich wären sie die Einzigen, die mich mögen. Alle Anderen fänden mich doof. Meinem sowieso nicht gerade großem Selbstbewusstsein tat das natürlich unheimlich gut; ich verlor für lange Zeit den Glauben an Ehrlichkeit und echte Freundschaft.

Different - für Klamottenbeitrag

Ich stand also wieder alleine da. Nun näherten wir uns aber einer weiteren Kursfahrt, bei der wir eigentlich zusammen in einem Zimmer schlafen wollten. Die einzige andere Option war eine weitere Mädchengruppe. Ich wusste, dass diese Mädchen mich nicht sonderlich mochten; ich wollte aber nicht ohne Anschluss in Amerika rumlaufen. Also passte ich mich den nächsten Menschen an. Ich fing an, mich täglich zu schminken und anzuziehen wie diese anderen Mädchen. Auch das funktionierte – wir freundeten uns an. Dieses Mal hielt die Freundschaft sogar bis kurz nach dem Abi.

Als ich dann von zuhause auszog und 75km Entfernung zwischen meinen mühsam errichteten Freundschaften und mir lag, stand ich vor einem Problem: Ich wusste selber nicht, wer ich war und musste mich schon wieder in eine neue Gruppe integrieren. Eigentlich wollte ich mich am ersten Ausbildungstag zurechtmachen wie die Jahre zuvor – die Haare mit der Rundbürste bearbeiten, bis sie pseudolocker fielen, mich schminken, mich gefällig anziehen. Als es dann aber soweit war, stand ich vor dem Spiegel und bemerkte, dass ich die Chance nutzen könnte. Ich könnte einfach mal so zur Ausbildung gehen, wie ich mich wohl fühlte. Anziehen, was ich wollte und ignorieren, ob das anderen Menschen gefällt. Also tat ich es. Mich nach Jahren nicht hinter Schminke zu verstecken, war komisch. Ich fühlte mich unwohl und war furchtbar aufgeregt. Zu meiner großen Freude stellte ich fest, dass meinen Mitschülern vollkommen egal war, wie ich aussah. Ich war nicht die einzige mit etwas anderem Geschmack und generell schauten wir beieinander eher auf den Charakter. Ich fand das erste Mal seit Pubertätsbeginn Freunde, ohne mich zu verstellen. Daraus ergab sich für mich die Konsequenz, dass ich mich nicht mehr angleichen wollte; ich wollte nicht dazugehören um jeden Preis und dafür mich selbst verlieren.

Ich lernte, neu in mein Leben tretenden Menschen gegenüber ich selbst zu sein. Ich zwang mich, ihnen zu vertrauen; das fiel mir nicht mehr leicht, seit ich damals von meinen sogenannten Freundinnen fallen gelassen worden war; die Angst, das nochmal zu erleben, war riesig. Manchmal kommt sie immer noch durch. Ich erlaubte mir, wieder sarkastisch zu sein. Direkt zu sein. Und ich lernte sogar Leute kennen, die das mochten. Hätte ich mich weiter verstellt, hätte ich vermutlich meinen besten Freund und meine beste Freundin, die mittlerweile viele Jahre Teil meines Lebens sind, nicht kennengelernt. Ich wäre in irgendeiner Langzeitbeziehung, in der ich mich aufgegeben hätte – wie ich feststellte, meinen einige Männer tatsächlich, wenn man erstmal zusammen ist, seien Forderungen wie „Zieh dich doch mal weiblicher an.“ oder „Zieh dich doch mal weniger auffällig an.“, angebracht. Sind sie nicht; weil ich das gelernt habe, beende ich solche Beziehungen. Oder fange sie gar nicht erst an, wenn ich den Eindruck habe, nicht ganz ich selbst sein zu können. Mit all meinen Eigenheiten. Ich bin 29 und trage Leggings mit Einhörnern. Pullover mit Katzen. Glitzerschuhe. Bunte Mützen. Eine Omabrille. Kurz gesagt: Ich habe einen an der Murmel und das ist auch gut so.

Manchmal erleide ich kleine Rückfälle; wenn es mir sowieso nicht gut geht, weil ich gerade unzufrieden mit mir bin, neige ich dazu, mich anzupassen. Dann geht es mir erst Recht nicht mehr gut. An dieser Stelle kommt eine weitere Veränderung, die ich durch den blogauslösenden Menschen in meinem Leben erlebte, zum Tragen – ich bemerke es schneller (nicht zuletzt, weil er mich im Zweifelsfall darauf hinweist) und lasse es sein. Es tut mir nicht gut, mich zu verstellen. Ich denke, es tut niemandem gut, also seid, wie ihr sein wollt!

Mag mich jemand nicht, wie ich bin, dann haben wir im Leben des jeweils Anderen schlicht und ergreifend nichts zu suchen.

Manch Einer meint, wegen dieser Haltung sei ich Single und müsse unzufrieden sein – bin ich aber nicht. Warum nicht, erzähle ich am kommenden Samstag.

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Von Facebook geklaut, meine Lieben.
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12 Gedanken zu “… sich selbst treu bleiben?

  1. Meine Pupertät und alles was dazu gehörte, ist zwar ein kleines bisschen länger her als bei dir, aber ja: Kenne ich.

    Mit 29 Jahren einen an der Murmel haben und es auch noch öffentlich kund zu tun: Kenne ich nicht. Das war meine am stärksten angepasste Zeit. Wie man in meinem Blog lesen kann hat sie zu allem möglichen geführt. Nur nicht zu Glück.

    Selbstbewusst anders sein und glücklich dabei? Ja, heute zähle ich mich auch in diese Kategorie, auch wenn es sich bei mir nicht in Glitzerschuhen und Einhornleggins äußert.

    Glückwunsch an uns beide!

    Gefällt 1 Person

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