… keine Pille mehr?

Die Pille. Als Teenager ein relativ leicht anwendbares Mittel, um zu verhindern, dass man bereits vor dem Schulabschluss ungewollt schwanger wird. Wer erst einmal damit angefangen hat, der nimmt die Pille oft jahrelang unreflektiert weiter. Doch was, wenn der Körper sich plötzlich wehrt?

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann ich begann, die Pille zu nehmen. Ich muss so um die 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein; irgendwann zu der Zeit hatte ich meinen ersten richtigen Freund. Nicht die Telefonfernbeziehung, die ich davor als meinen ersten Freund bezeichnete, sondern einen, den ich wirklich sah und mit dem ich gerne mehr machen wollte als zu knutschen. Ich habe die Pille in jedem Fall mindestens 13 Jahre am Stück genommen. Ich habe gar nicht über die Möglichkeit, das sein zu lassen, nachgedacht; es war einfach Teil meines Tagesablaufs. Jetzt habe ich damit aufgehört – und es tut gut.

Vor einigen Jahren, so zwei bis drei, fing es an, dass ich ab und zu sehr starke Kopfschmerzen bekam. Oft waren sie so schlimm, dass ich mich krankmelden musste, weil mir bei jeder Bewegung schlecht wurde. Nachdem ich das ein paar Mal erlebt hatte, fiel mir auf, dass es immer am ersten Tag meiner Menstruation geschah. Ich schloss daraus, dass ich als Menstruationsbeschwerde nun Kopfschmerzen entwickelt hatte. Migräne, vermutete ich, wollte mir jedoch nicht eingestehen, das haben zu können. Im Laufe der Zeit wurden die Kopfschmerzen immer schlimmer; irgendwann dauerten sie sogar länger als nur den einen Tag. Da es nur einmal im Monat war und manchmal auch Schmerztabletten halfen (zumindest, wenn ich sie ausreichend überdosierte), sah ich keinen Handlungsbedarf; was sollte ich auch tun?

Anfang dieses Jahres änderte sich meine Einstellung jedoch rapide – ich sah ein, dass ich Migräne hatte; ich entwickelte eine Aura (lustige Erscheinungen wie z.B. Gesichtsfeldausfälle, Hörstörungen, Sprachstörungen, Arm – oder Lippenkribbeln hat man da im Vorfeld der Migräneattacke) und die Anfälle kamen immer häufiger und heftiger; auch ausserhalb meiner Menstruation. Unglaublich viele Dinge konnten die Migräne auslösen – ein stark parfümierter Patient, eine zu laute Umgebung, Stress, helles Licht, zuviel Trubel um mich herum, zuwenig Schlaf, zuviel Schlaf, ein mit dem Kugelschreiber klickender Kollege. Ich hatte jeden Tag Angst, Migräne zu bekommen. Ich ging nirgendwo mehr hin, ohne eine Auswahl an Schmerzmitteln mitzunehmen. Ich besorgte mir frei verkäufliche Triptane; spezielle Migränemedikamente, von denen nur wenige rezeptfrei erhältlich sind. Die halfen. Ich machte mir jedoch Sorgen, weil die Attacken so häufig und so stark auftraten. Also sah ich ein, dass ich Hilfe brauchte, und ging zu meiner Hausärztin.

Phasen-der-Migraene
Migräne kurz und, meiner Meinung nach, sehr gut beschrieben.

Die Ärztin stimmte meiner selbst gestellten Diagnose zu, wollte jedoch zur Sicherheit ein MRT machen lassen. Das ist so erstmal nicht weiter schlimm; aufgrund meiner Vergangenheit (Mhm? Welche Vergangenheit? Diese hier: https://sojakoala.wordpress.com/2016/08/12/ausgerechnet-strahlentherapie/#more-125) hatte ich aber sofort Angst vor einem Hirntumor. Ich musste meiner Mutter nur sagen, dass ich ein MRT bekomme, da wusste sie, was ich denke und machte sich direkt mal ein bisschen mit mir zusammen verrückt. Der Blogauslöser wusste es auch, war aber immerhin so freundlich, so zu tun, als schlösse er einen Tumor aus (er durfte übrigens auch meinen schlimmsten Migräneanfall miterleben; ich lag kotzend auf der Arbeit und er hat weitergearbeitet). Nun, einen Vorteil hat mein Job: Man hat Connections in diverse radiologische Abteilungen. Mein MRT fand also bereits am nächsten Tag statt. Wie eigentlich auch zu erwarten war, war in meinem Kopf kein Tumor; das beruhigte mich schonmal. Wie meine Hausärztin erbeten hatte, war der nächste Schritt ein Besuch beim Neurologen. Der gab mir eine überraschende Empfehlung – Ausdauersport. Migräne wird im Grunde durch eine Überforderung des Gehirns ausgelöst; es nimmt zuviele Reize wahr und kann diese nicht verarbeiten. Ausdauersport kann helfen, den entstehenden Stresspegel zu senken und so die Migräne verbessern. Nun erinnern wir uns – ich bin nicht sportlich. Ich habe schon mehrfach sportliche Phasen gehabt, die waren jedoch auch immer relativ schnell wieder vorbei. Angesichts der Migräne musste ich nun aber wohl oder übel hin. Nun, was soll ich sagen? Es half tatsächlich! Die Anfälle zwischen den Menstruationen verschwanden fast vollständig und die verbleibenden waren weniger schlimm. Dafür waren sie allerdings umso länger; teilweise die gesamte Pillenpause, also sieben Tage am Stück. Im Austausch mit Bekannten erfuhr ich, dass einige Frauen nach dem Absetzen der Pille keine Migräne mehr hatten; in mir wuchs die Frage, ob es nicht vielleicht daran liegen könnte? Vielleicht war die Migräne gar keine Menstruationsbeschwerde, sondern eine Nebenwirkung der Pille? Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Anzeichen dafür, dass mein Körper die Pille nicht mehr mochte, fielen mir auf. Ich hatte ungewöhnlich viele Pickel in letzter Zeit. Ich war weinerlicher als sonst. Ich war leicht reizbar. Und ich hatte konsequent in jeder Pillenpause Migräne (da entsteht sie übrigens durch den extremen Hormonabfall, den der Körper erlebt). Meine Frauenärztin wollte das Problem lösen, indem sie mir die Minipille verschrieb. Man bekommt dann einfach keine Menstruation mehr. Nachdem ich das Rezept in der Apotheke eingelöst und ein wenig im Internet recherchiert hatte, war mir diese Lösung jedoch nicht mal mehr ansatzweise Recht; den Körper vollständig auszuschalten, finde ich verstörend. Ich setzte daher kurzerhand die Pille ab; was sollte schon passieren?

Pille
Hübsche Pillenbilder gibt`s im Internet!

Mögliche Begleiterscheinungen nach dem Absetzen der Pille sind unter Anderem Haarausfall und Pickel. Um dem Haarausfall vorzubeugen, nehme ich vorsichtshalber Zink; das kräftigt die Haarwurzel, sodass ich hoffentlich vor Haarausfall sicher bin; die Glatzenerfahrung aus Kindertagen muss ich nicht unbedingt wiederholen. Pickel sind mir relativ egal; hat sich der Körper wieder an seinen natürlichen Hormonhaushalt gewöhnt, reguliert sich das ebenso wie eventueller Haarausfall. Davon abgesehen gibt es mehr als genug Produkte, mit denen man Pickel los wird.

Ich bin jetzt in meiner vierten pillenfreien Woche. Es sind die ersten vier Wochen seit langer Zeit, in denen ich keine Migräne hatte. Keiner der oben genannten Auslöser macht mir Kopfschmerzen. Ich fühle mich unglaublich befreit und generell entspannter und ausgeglichener. Meine Haare habe ich bislang alle noch. Dafür habe ich an manchen Tagen auch ordentlich Pickel. Meine Weinerlichkeit ist weg; ich fange nicht mehr bei jedem Pups an zu heulen. Ich bin auch nicht mehr so reizbar. Vor dem Absetzen hatte ich zudem manchmal den Eindruck, regelrecht depressiv zu sein, obwohl ich eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch bin; auch das kann die Pille bewirken. Ausserdem habe ich in den ersten zwei Wochen ohne Pille 2,5 kg abgenommen, ohne irgendetwas zu tun. Wie mir das Internet verriet, waren das wohl Wassereinlagerungen. Je länger ich ohne Pille lebe, desto schlimmer finde ich, dass viele Frauen dieses Medikament relativ bedenkenlos über lange Zeit einnehmen. Es bringt unseren Körper so unglaublich durcheinander; er verlernt, seinen Zyklus selbst zu steuern und wir tun uns jeden Monat eine Scheinschwangerschaft, die durch eine Scheinfehlgeburt beendet wird, an. Nichts Anderes macht die Pille; diese Erkenntnis ist für mich schwer verdaulich.

Ich habe meine Entscheidung noch keine Sekunde bereut; ich freue mich jeden Tag wieder über meine Migränelosigkeit und meine Ausgeglichenheit. Derzeit muss mein Körper noch lernen, wieder von selbst zu menstruieren; das kann Monate oder manchmal sogar Jahre dauern, wenn man die Pille lange eingenommen hat. Ich bin gespannt, wann mein Körper das wieder von selbst schafft. Trotz dieser Begleiterscheinung, die vielleicht ein wenig beängstigend wirkt, bei genauerer Betrachtung aber einfach natürlich ist, kann ich das Pille Absetzen nur empfehlen; insbesondere, wenn man unter starker Migräne leidet und einfach keine Ursache findet.

Am schlimmsten an der Entscheidung war für mich eigentlich, dass ich mich das erste Mal nach Jahren wiegen musste, um rauszufinden, ob es bei mir zum Gewichtsverlust kommt; warum ich Wiegen hasse wie die Pest und es mir abgewöhnt habe, erzähle ich euch am Donnerstag.

Liebe Leser, es gibt bereits einen Tag später ein Update zum Thema Pille; hier entlang, wenn ihr es lesen wollt: https://sojakoala.wordpress.com/2016/08/23/ein-ueberraschungsupdate-zu-keine-pille-mehr/#more-393

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15 Gedanken zu “… keine Pille mehr?

  1. Guter Bericht! Ich bin selbst seit einem halben Jahr Pillen-frei und habe alle Symptome vom Absetzen durchgemacht: Haarausfall, schnell fettige Haut und Haare und schliesslich Pickel. Aber alles halb so schlimm. Der Körper gewöhnt sich nach und nach daran und alles besser als den Körper von den Hormonen der Pille steuern zu lassen 🙂

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  2. Eine sehr gute Entscheidung.
    Welche „Nebenwirkungen“ die Pille alles haben kann ist leider viel zu wenig bekannt.
    Viele nehmen sie ganz unbedarft, weil viele Frauenärzte auch nicht aufklären sondern nur von den positiven Wirkungen berichten.

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    1. Ja, stimmt leider. Meine Frauenärztin, mit der ich eigentlich immer sehr zufrieden war, reagierte auch gänzlich entsetzt auf meinen Vorschlag, ich könnte die Pille einfach absetzen. Gerade von Fachleuten erwarte ich eigentlich eine Beratung und keine Ablehnung.

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