… Secondhand?

Gebrauchte Sachen aufkaufen? Von Toten womöglich? Ja. Natürlich!

Das ist nicht nur nachhaltig (und Nachhaltigkeit mag ich, nicht wahr? https://sojakoala.wordpress.com/2016/09/01/lieber-leitungswasser/), sondern ermöglicht auch eine unglaubliche Entfaltung der eigenen Person.

Wie bei so vielen Dingen war ich auch beim Thema Secondhand früher sehr skeptisch; ich ekelte mich bei dem Gedanken, Sachen zu tragen, die schon andere Menschen getragen hatten. Es wurde für mich auch nicht weniger ekelig, wenn ich mir sagte, dass ja alles gewaschen wird.

Mein erstes selbstgekauftes Secondhandstück war daher eine Tasche. Eine wunderschöne, wirklich alte Ledertasche. Sie ist klein und es passen gerade einmal ein Portemonnaie und ein Schlüssel hinein; ich liebe sie unglaublich. Ich entdeckte sie zufällig in einem Secondhandladen in Amsterdam. Als ich den Laden betrat, war mir nicht klar, dass das ein Secondhandladen ist. Es sah irgendwie unordentlich aus und das Sortiment war etwas durcheinander, aber ich brauchte eine Weile, bis mir dämmerte, in was ich da geraten war. Da war es aber schon zu spät; die Tasche hatte mein Herz bereits erobert. Weil ich sie nicht auf meiner nackten Haut trage, konnte ich mich überwinden, sie mitzunehmen, obwohl schon ein anderer Mensch mit ihr herumspaziert war. Ich hüte diese Tasche wie meinen Augapfel. Sie ist etwas ganz besonderes, denn ich weiß, dass ich sie nicht einfach so nachkaufen kann und dass kein anderer Mensch diese Tasche mit ihren Macken und ihrem fehlenden Gurtführungsding hat. Diese Lasche, durch die man das Gurtende zieht. Wie heißt sowas eigentlich?

Nach dem Taschenkauf war ich dem Prinzip Secondhand zwar weniger abgeneigt, so richtig erwärmen konnte ich mich aber trotzdem nicht. Bis mir klar wurde, dass ich eigentlich schon längst Secondhandmöbel besaß. Als meine Großeltern starben (die mit der tollen Seife; hier: https://sojakoala.wordpress.com/2016/08/14/kein-shampoo/), wünschte ich mir nichts sehnlicher, als Omas und Opas alten Wäscheschrank zu haben. Es ist ein toller alter Schrank mit Kristallschliff im Spiegel; als meine Großeltern noch lebten, alberte ich fast jeden Tag mit Oma ein bisschen davor rum und ließ mich dann rückwärts auf ihr Bett fallen; diese Erinnerung werde ich für immer mit dem Schrank verbinden. Ich bekam den Schrank und gleich dazu auch die passenden Nachttische und zwei Stühle. Weil mir die Möbel so vertraut waren, sah ich sie aber einfach nicht als Secondhand an; nichts anderes ist das jedoch im Grunde. Auch meine geerbten Kristallvasen und Tischdecken sind einfach nur Secondhanddinge. Gut, im Falle der Vasen Secondhandwaffen; man kann damit sicherlich Schädel einschlagen.

Nach der Erkenntnis zu meinen Erbstücken überwand ich mich, einfach mal in Trödelläden rumzustöbern; davon gibt es in meiner Stadt mehrere mit grandiosem Angebot. Ich fand Kristallsachen, die zu den bereits geerbten passten, eine tolle Uhr, ein altes Service… lauter schöne Dinge, die viel zu schade sind, um einfach weggeworfen zu werden. Auch hier fand ich wieder eine Tasche; eine Aignertasche, fast genau wie meine Oma sie früher hatte; ich hatte mich schon oft gefragt, wo sie eigentlich hingekommen war und kaufte aus reiner Rührseligkeit das beinahe identische Modell. Bei jedem Secondhandstück, dass ich kaufte, freute ich mich unglaublich; ich wollte es haben, es kostete keine Unsummen und war nachhaltig. Immer alles neu zu kaufen widerstrebt mir nämlich schon sehr lange.

Eines Tages reiste ich wieder nach Amsterdam; dieses Mal ging ich bewusst in den Secondhandladen vom letzten Besuch, um mich dort umzusehen. Ich fand einen Pullover. Er ist irgendwie kitschig und seltsam, aber auch unglaublich toll. Ich nahm ihn mit. Mir war egal, dass jemand anderes ihn schon getragen hatte. Ich würde schon nicht daran sterben. Da ich immer noch lebe, habe ich die Situation offenbar richtig eingeschätzt.

 

Pulli
Doof gucken kann ich gut.

 

 

Mittlerweile gehe ich bei jedem Amsterdambesuch (und davon gibt es pro Jahr mindestens einen) in diverse Secondhandläden; die Stadt ist voll davon und ich finde immer etwas (meine liebsten Läden sind die Episode – Filialen; daher sind auch Tasche und Pulli). Meine Heimatstadt ist eher für Secondhandmöbel und – deko gut; im Bereich Kleidung empfinde ich die ansässigen Läden oft als ramschig. Die Wertschätzung, die ich gebrauchten Gegenständen entgegenbringe, ist eine ganz andere als die, die ich gegenüber neuen Dingen habe. Neues ist zwar oft teurer und die erste Macke schmerzt, aber Secondhanddinge haben einfach viel mehr Seele. Sie haben schon ein ganzes Leben hinter sich und es ist schön, zu wissen, dass man etwas übernimmt, das einem anderen Menschen bereits etwas bedeutet hat.

Während ich diese Worte schreibe, sitze ich auf meinem gebrauchten Sofa (ein altes Schätzchen mit Fransenbordüre, Holzkorpus und richtiger Federung), beleuchte mein Wohnzimmer mit einer alten Stehlampe mit Messingfuß und schaue von Zeit zu Zeit hoch – dann sehe ich Kristallzeug, eine Anatomieübungsfigur, die mein Papa mir auf dem Trödelmarkt gekauft hat (braucht kein Mensch, aber dieses Teil ist so unfassbar toll!) und ein altes Küchenbuffet aus massivem Holz.

 

 

 

Man könnte meinen, meine Wohnung sähe aus, als sei ich siebzig Jahre alt, aber dem ist nicht so; ich mische alte Möbel mit neuen, Kristall mit Emaille (mein Vater hat mir seinen Emailleschildertick weitergegeben), moderne Fotos mit einem unfassbar kitschigen Katzenstickbild (Das habe ich in einer Givebox gefunden; tolles Prinzip, das es leider noch nicht in jeder Stadt gibt – jeder kann in einem Verschlag Dinge abstellen, die er nicht mehr haben möchte und jeder kann dort Dinge mitnehmen, die er gebrauchen kann; so geht Nachhaltigkeit.) Gebrauchte Dinge zu kaufen, ermöglicht mir, mich so einzurichten, wie ich es will und mag. Ich ganz alleine. Ich habe kaum noch Dinge in meiner Wohnung, die jeder zweite Ikeabesucher besitzt; ich mag das auch nicht mehr. Man soll sehen, wer in meiner Wohnung lebt.

 

Katzenbild

 

 

Auch mein Küchenbuffet ist ein besonderes Stück für mich; es stand mehrere Monate in einem Gebrauchtmöbelladen und ich bin alle zwei Wochen hingegangen und habe es bewundert. Es gestreichelt, weil sich das Holz so toll anfühlt. Die Türen geöffnet. Mir vorgestellt, wie es in meiner Wohnung steht und wie schön es eingeräumt aussehen würde. Weil meine Küche bereits voll ausgestattet war und ich nicht unbedingt Geld übrig hatte, ging ich jedes Mal wieder traurig nach Hause. Als dann jedoch das Weihnachtsgeld kam und das Buffet immer noch im Laden stand, musste ich es einfach haben; wohlgemerkt, obwohl in der Wohnung nach wie vor kein Platz war. Ich stellte es in den Keller und überlegte dann, wie ich es in der Wohnung unterbringe. Nun – da ich es unbedingt bei mir haben wollte, musste ein Teil meiner Küche dran glauben; mein Tresen sowie einige Schränke mussten weichen, damit das Buffet, das einfach viel zu schön für den Keller und soviel schöner als eine 08/15 – Küche ist, einziehen konnte. Praktischerweise hatte ich so auch einen Vorwand, mir einen Tisch, in den ich mich ebenfalls verliebt hatte (sieht aus, als hätte ich ihn von einer Burg geklaut), zu kaufen.

Mein Ekel vor Secondhandsachen ist mittlerweile weg. Ich habe einige Kleidungsstücke, die nicht immer perfekt passen, aber trotzdem toll aussehen, mein Sofa, das ich durchaus auch mit blanker Haut berühre, obwohl eventuell jemand darauf gestorben ist, all die anderen Möbel, Deko – und ich liebe jedes einzelne Stück. Ich kann jedem nur empfehlen, gebrauchte Sachen zu kaufen. Das Gefühl, etwas besonderes in der Hand zu haben, jedes Mal wieder, wenn man es benutzt, oder einfach über uraltes Holz zu streichen, ist wunderschön. Wir tun damit sowohl unserer Seele als auch unserer Umwelt etwas Gutes. Wir können einen Teil dazu beitragen, dass die Verschwendungssucht unserer Gesellschaft nicht noch schlimmer wird; wir werfen viel zu viele Dinge, die keinen oder nur kleine Makel haben, weg.

Was ich auch gerne gebraucht kaufe, sind Bücher. Es gibt tolle Werke in richtig schönen alten Einbänden. Generell bin ich ein großer Bücherfan, daher wird es am Dienstag darum gehen, warum ich denke, wir müssen weiterhin lesen.

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7 Gedanken zu “… Secondhand?

  1. Hallo Soja Koala!

    Als ich deinen Artikel gelesen habe, konnte ich sehr gut nachvollziehen, was du damit sagen willst. Vor allem auch im Bezug auf die Sachen von Oma und Opa. Meine Oma ist im letzten Jahr (morgen ist es genau ein Jahr her) verstorben und ich habe jede Menge Dinge von ihr geerbt. Vor allem Möbel, Geschirr und Ähnliches. Und ich muss sagen, ich liebe die Sachen! Nicht nur deswegen, aber auch, bin ich sogar in eine größere Wohnung gezogen. Ganz einfach weil ich die Möbel schon immer wunderschön fand und bereits als Kind gesagt habe, dass ich sie irgendwann mal haben möchte. Umso schöner ist es jetzt natürlich damit zu leben und sie in Ehren zu halten. Zumal sie schon damals, als meine Großeltern sie gekauft haben, Second Hand waren und entsprechend alt sind.

    Aber auch sonst liebe ich es gebrauchte Dinge zu kaufen. Nicht alles, Schlüpper, andere Unterwäsche und Schuhe sind tabu, aber sonst mag ich gebrauchte, alte Dinge sehr gern.

    Nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern auch weil die Qualität oft noch viel besser ist als bei den Sachen, die heute produziert werden. Zudem sind die Designs schöner. Man schaue sich nur mal alte Autos an, oder auch nur Küchengeräte etc..

    Auch Schallplatten sind original aus der entsprechenden Zeit vom Flohmarkt viel besser als irgendwelche Neupressungen alter Alben, nur weil es grade wieder „IN“ ist.

    Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mit den sonntäglichen Fahrten auf den Flohmarkt großgeworden bin. Wenn ich da allein an die ganzen Mädchenbücher (Hanni & Nanni, Dolly, Bille & Zottel, Britta, etc.) denke, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe…, das war ganz selbstverständlich für mich und ich war immer ganz stolz wenn ich einen Band gefunden hatte, der mir noch fehlte. 🙂

    Und jetzt? Nun, jetzt habe ich mir meine Liebe zu alten Dingen bewahrt und stöbere noch immer mit Vorliebe auf richtigen Flohmärkten.

    Trotzdem lehne ich IKEA und Co. nicht komplett ab. Ich würde sagen, in meiner Wohnung leben die modernen Dinge und die Alten in friedlicher Koexistenz.

    Und das ist für mich perfekt! 🙂

    In diesem Sinne, alles Liebe und weiterhin viel Spaß und Erfolg beim Shoppen auf den Flohmärkten dieser Welt.

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    1. Unterwäsche könnte ich auch nicht gebraucht kaufen. 😄
      Ja, die Qualität alter Dinge ist wirklich ganz anders!
      Wir waren auch immer auf Flohmärkten; oft in Holland, da sind die nochmal anders als hier. 😄
      Ich hoffe, der morgige Tag wird nicht zu traurig für dich; manchmal holt einen die Sehnsucht ja schon ein.
      Liebe Grüße
      Silja

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  2. Mit Second Hand Kleidung kann ich mich nicht anfreunden, dafür aber um so mehr mit gebrauchten Brettspielen, vorausgesetzte sie sind in gutem Zustand. Erst am vorletzten Wochenende haben wir ca. 10 Spiele für den Preis von 1 neuem ergattert.

    Nämlich auf diesem tollen Trödelmarkt in Soest/Westfalen (http://www.schlachthof-soest.de/index.php/graefte-troedel) in toller Kulisse (an der alten Stadtmauer entlang) (Bilder: http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-soest-lippstadt-moehnesee-und-ruethen/gute-geschaefte-beim-graefte-troedel-img7-id11015832.html)

    P.S.: Auch gut erhaltene Kleidung gibt’s dort an den Pi mal Daumen 500 Ständen in rauhen Mengen.

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    1. Mein Verhältnis zu Secondhandkleidung war ja auch sehr lange zwiegespalten; jetzt darf ich nicht zu lange in meinen Lieblingsläden bleiben, sonst wird’s teuer. Sind aber zum Glück alle in Amsterdam. 😉

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