… selber anbauen?

Nicht, was ihr jetzt denkt, ihr Schlingel! Ich rede von Obst und Gemüse, wie man es auch im Supermarkt kaufen kann.

Ganz genau, man kann das im Supermarkt kaufen – wieso also sollte ich es selber anbauen?

Meine erste eigene Wohnung kam ohne Garten und ohne Balkon daher; ich fand es okay, denn mir fehlte nichts. Wollte ich mich sonnen, konnte ich auf die Wiese hinterm Haus gehen und für andere Dinge brauche ich keine eigene Auslauffläche. Als ich jedoch beschloss, umzuziehen, verliebte ich mich in eine Wohnung, die zufällig einen Balkon hatte. Einen Balkon im dritten Stock, ganz ohne weitere Balkone darüber, um genau zu sein. Er ist schön sonnig und nach Feierabend auch angenehm ruhig. Als der Frühling kam, befand ich, dass ich meinen Balkon nutzen sollte, wenn er schon einmal da war. Ich zog also los und kaufte Pflanzen, die einen sonnigen Standpunkt verkraften, denn der Balkon wird von Sonnenaufgang bis nachmittags gegen 15 Uhr mit Sonne versorgt. Die Ehre des Einpflanzens überließ ich meiner gartenerfahrenen Mutter – ich hatte Angst, die Pflanzen schon beim Umtopfen kaputt zu machen und fand ausserdem Erde unter den Nägeln ekelig.
Das Ergebnis unserer Pflanzaktion war hübsch, aber etwas karg; das Highlight war und ist für mich meine Löwenstatue – so ein Ding wollte ich schon immer haben und ich habe sogar wirklich ein teures Modell gekauft. Der Standaschenbecher (für die Unmengen an Partys, die ich gebe…) ist vom Flohmarkt; gebrauchte Dinge sind geil! (Nicht wahr? https://sojakoala.wordpress.com/2016/09/03/secondhand/)

Wie sich recht schnell zeigte, habe ich bei Zierpflanzen den schwarzen Daumen; ich denke einfach nicht daran, sie zu gießen. Da kann ich mich noch so oft ermahnen, es klappt nicht. Der Balkon sah entsprechend zügig nicht mehr schön aus; ich nahm das einfach zur Kenntnis und legte das Thema Pflanzen ad acta.

Als sich jedoch das nächste Frühjahr näherte, hatte ich mein Pflanzentötungsprogramm vom Vorjahr schon so gut wie vergessen; ich wollte wieder einen schönen Balkon haben. Ich wusste nicht genau, weshalb ich die letzten Pflanzen nicht gepflegt hatte, dachte aber, es könnte nicht schaden, mich Nutzpflanzen zuzuwenden; vielleicht brauchte ich etwas, bei dem ich ein Ergebnis erhielt, wenn ich mich darum kümmerte. Da meine Mutter selber nicht bewandert auf dem Gebiet der Nutzpflanzen ist, fragte ich einen befreundeten Gärtner um Rat. Er beriet mich daraufhin nicht nur, sondern fuhr sogar mit mir Pflanzen kaufen und pflanzte sie für mich ein. Wie praktisch, wo ich doch nach wie vor meine Ängste, die Pflanzen zu zerstören, sowie den Ekel vor Erde hatte!

Um mich nicht zu überfordern, entschieden wir uns im Gartencenter für ein paar Tomatenpflanzen, eine Gurke sowie eine Zucchini. Alles Dinge, die ich wirklich essen möchte, die Sonne brauchen und ausserdem sehr pflegeleicht sind. Während ich in den ersten Wochen noch dachte, ich würde auch diese Pflanzen dahinraffen, zeigten sich zu meinem Erstaunen nach einer Weile tatsächlich Blüten; ich war vollkommen überwältigt. Zu sehen, wie die Pflanzen wuchsen und sich weiterentwickelten, war unglaublich. Als ich meine erste winzige Tomate sah, freute ich mich ohne Ende; ich definierte „Ernteerfolg“ für mich ab diesem Moment so, dass nur eine einzige Frucht es bis zur Reife schaffen musste. Als es soweit war und ich das erste Mal etwas ernten konnte, musste ich das natürlich festhalten; meine erste selbstgezogene Frucht war eine 35 cm lange Schlangengurke. Mein Vater kommentierte es mit „Faszinierend, was man im Supermarkt so kaufen kann!“; mittlerweile hat aber auch er gemerkt, dass ich wirklich selber Gemüse anbaue und bewundert meinen Balkon jedes Jahr.

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Ein Teil meines Sommerparadieses.

Hat man mit etwas Erfolg, möchte man es natürlich gerne wiederholen; ich wagte also im nächsten Jahr noch mehr. Zu den Tomaten und Gurken gesellten sich Rosmarin und Salbei; die Zucchinizucht gab ich auf, weil ich offenbar der einzige Mensch bin, bei dem Zucchini nicht automatisch explosionsartig wachsen. Ich las ausserdem zufällig, dass es möglich ist, Obstbäume als sogenanntes Säulenobst zu züchten; der Baum wächst dann sehr schmal nach oben, treibt wenig zu den Seiten aus und kann im Topf gehalten werden. Weil mich der Gedanke, eigenes Obst auf einem Balkon anzubauen, sehr faszinierte, kaufte ich also auch noch einen Apfel -und einen Kirschbaum. Selbstfruchtend, damit jeweils eine Pflanze zur erfolgreichen Befruchtung ausreicht. Ich ging nicht davon aus, wirklich Obst zu ernten; Pflanzen können meinetwegen auch einfach so rumstehen und schön aussehen, sofern ich sie nicht vorher zu Grunde richte.
Zu meiner großen Freude trugen die Obstbäume in ihrem zweiten Jahr auf dem Balkon wirklich Früchte; ich konnte zwölf Äpfel und eine Handvoll Kirschen ernten!
Dieses Erfolgserlebnis fand im vergangenen Jahr statt; zu dem Zeitpunkt befanden sich auf meinem Balkon diverse Tomatensorten, eine Gurke, Salbei, Rosmarin und Pfefferminze, Apfel – und Kirschbaum und eine Paprika.

Ich muss zugeben, bis ich Paprika selber anbaute, war ich mir nicht darüber im Klaren, dass die unterschiedlichen Farben einfach unterschiedliche Reifegrade sind; ich hatte mir da nie Gedanken drüber gemacht. Es dauert unglaublich lange, hierzulande eine rote Paprika heranzuziehen, das weiß ich jetzt. Nachdem ich im Oktober letzten Jahres endlich vier winzige Paprika ernten konnte, die den von mir gewünschten Reifegrad erreicht hatten, entschied ich mich daher dafür, auch die Paprikazucht wieder einzustellen. Stattdessen wollte ich meinen Balkon auch im Winter nutzen; es musste doch möglich sein, auch Wintergemüse anzubauen! Nachdem ich wieder einmal meinen Freund, das Internet, bemüht hatte, zog ich los und besorgte mir junge Grünkohlpflanzen; im Gartencenter oder auf dem Wochenmarkt bekommt man sie, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt. Dieses Mal pflanzte ich selber ein; ich hatte die Pflanzen spontan bekommen und wollte nicht abwarten, bis mein Gärnterfreund Zeit hatte. Die Pflanzen gingen sehr gut an und schon nach kurzer Zeit war klar, dass ich im Winter meinen eigenen Grünkohl essen können würde; ein weiterer Ernteerfolg!

Auf meiner Suche nach Grünkohlpflanzen stieß ich im Gartencenter auf verkümmerte Obstgewächse, die für ein paar Euro verkauft werden sollten; sie waren ganz trocken und winzig. Ich konnte den Gedanken, dass diese Pflanzen gar nicht erst eingepflanzt, sondern sofort entsorgt werden, nicht haben und nahm daher eine Johannisbeere sowie eine Honigbeere mit; mehr als eingehen konnten sie ja nicht. Zuhause angekommen, pflanzte ich die trockenen Teile ein und versprach ihnen, mich um sie zu kümmern. Ja, ich rede mit meinen Pflanzen. Ich bedanke mich auch bei ihnen dafür, dass ich ihre Früchte haben darf. Vielleicht verstehen sie mich ja.

Nun – als es an der Zeit war, alle meine überwinterten Pflanzen wieder auszupacken, erblickte ich eine wunderschöne Johannisbeere, die mir dieses Jahr Früchte schenkte, eine ebenfalls wunderschöne Honigbeere, die mir nur eine einzige Frucht schenkte, weil die anderen im Sturm kaputt gingen, einen weiter gewachsenen Apfel – sowie einen auch gewachsenen Kirschbaum, gesunde Salbei -, Rosmarin – und Pfefferminzpflanzen und einen halbwegs gesunden Schnittlauch. Dieses Jahr versuchte ich mich zusätzlich an Koriander, der angeblich schwierig anzubauen ist, bei mir aber super wuchs, sowie Petersilie und Majoran; hätten wir nicht zwischendurch tropische Tage gehabt, an denen ich mit dem Gießen schluderte, hätte ich nun auch sehr schöne Pflanzen; so sieht es leider derzeit etwas nach Dürre aus, wenn man auf meinen Balkon schaut.

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So hübsch war mein Apfelbaum letztes Jahr; dieses Jahr hat das Wetter ihn verwirrt, er sieht nun schon nach Herbst aus.

Diesen Winter werde ich erneut die bislang überwinterten Pflanzen wetterfest machen; ausserdem baue ich wieder Grünkohl und hoffentlich auch Rosenkohl an. Sofern ich noch nicht zu spät dran bin mit der Aussaat (Meine beste Freundin hat mir Samen geschenkt, weil sie einfach weiß, was ich mag!) ziehe ich die Pflanzen vollständig selbst; sollte ich schon zu spät dran sein, kaufe ich wieder Jungpflanzen.

Wie bei so vielem, was ich bislang auf diesem Blog vorstellte, kann ich auch hier nur eine Empfehlung aussprechen – selber Sachen anbauen ist toll! Es macht Spaß und beschert einem Glücksgefühle sondergleichen. Wenn ich nach Hause komme und beim Blick aus der Balkontür sehe, dass leuchtend rote Tomaten auf dem Balkon sind, ist das unglaublich! Zu lernen, wie welches Kraut blüht, wie eine Gurke eigentlich wächst, wann welches Gemüse wirklich reif ist, macht Spaß. Es hält Wissen wach, das uns langsam verloren geht; wer weiß denn noch wirklich, wie sich sein Essen in der Natur entwickelt? Wer weiß noch zu schätzen, was die Natur da veranstaltet, damit wir uns ernähren können? Es dauert wirklich lange, bis eine winzige Frucht an einer Pflanze hängt und ich finde faszinierend, dabei zuzusehen, wie sie sich weiter entwickelt.
Seit ich selber Gemüse anbaue, weiß ich auch mein gekauftes Gemüse viel mehr zu schätzen. Ich kann manchen Preis besser nachvollziehen und gebe gerne mehr aus als früher; ich denke, beschäftigten sich mehr Menschen damit, wie z.B. eine Tomate entsteht, wäre unsere Wertschätzung gegenüber Essen sehr viel größer, als sie derzeit ist.

Wenn ihr die Möglichkeit habt, etwas anzubauen, tut es! Traut euch einfach! Mehr als scheitern kann man nicht und auch dann kann man im nächsten Jahr einen neuen Versuch starten; der Geschmack der selbst gezogenen Gewächse wird euch alle Mühen (und die größte ist das regelmäßige Gießen) vergessen lassen, ich verspreche es.

Die Möglichkeit, zu scheitern, bringt mich zum nächsten Thema – Gitarre lernen im Erwachsenenalter; dieses Mal müsst ihr euch bis Sonntagabend gedulden, denn ich bin am Wochenende zu stark verplant, um zu schreiben.

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3 Gedanken zu “… selber anbauen?

  1. cool, das macht mir Mut noch mehr anzubauen. Letztes Jahr habe ich erstmal noch ausgetestet. Dieses Jahr will ich mutiger sein!

    Mein Apfelbaum hatte im letzten Jahr im Übrigen auch ziemlich früh die Blätter fallen lassen und sich auf den Herbst eingestellt. Als es dann doch nochmal recht warm wurde, kamen nochmal frühlingshafte Knospen 😀 Der arme Apfelbaum!

    Liebe Grüße und weiterhin einen guten grünen Daumen…
    Sternchen

    Gefällt 1 Person

    1. Bei mir kamen auch nochmal Knospen! 😄 Ich versuche mich am Wochenende daran, aus Sanen selber die Pflanzen vorzuziehen… bin gespannt!
      Dir auch viel Erfolg beim Gärtnern! 😄

      Gefällt mir

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