… einfach mal „Ich liebe dich.“ sagen?

Sagen wir das nicht sowieso schon zu oft? Oder sagen wir es viel zu selten? Sagen wir es den falschen Menschen?

Im letzten Beitrag ging es darum, warum man sich manchmal von Menschen trennen muss; in diesem geht es darum, dass es aber auch solche gibt, denen wir unsere Liebe zeigen sollten.

Früher – damals, als ich noch jung war, quasi – dachte ich, „Ich liebe dich.“ sei etwas, was ich nur meinem Partner sagen sollte. Wie wohl jeder Teenager wartete ich darauf, endlich eine Beziehung zu haben, in der ich voll überschäumender Gefühle die magischen Worte zu meinem Freund sagen könnte. Was man dann erlebt, kennt wohl auch jeder Teenager – die Frage, wann man es denn nun überhaupt sagt. Sage ich es zu früh, ist das doof. Sage ich es zu spät, ist das genauso doof. Sagt vielleicht lieber das Gegenüber es zuerst? Aber was, wenn sich mein Freund auch nicht traut?
Doch seien wir ehrlich – was man in der Pubertät für Liebe hält, ist längst nicht, was man später als solche definiert. Es ist Verliebtheit. Es sind tausend Schmetterlinge. Es ist aber nicht dieses tiefe, warme Gefühl, das dich einen Menschen ansehen und einfach nur lächeln lässt.

Was Beziehungen angeht, bin ich mit den Worten „Ich liebe dich.“ mittlerweile recht sparsam. Ich denke, in unserer Gesellschaft werden sie vollkommen sinnentleert genutzt; ähnlich wie das Wort „Schatz“.
Sehr viel freigiebiger bin ich, wenn es darum geht, meinen Freunden zu sagen, dass ich sie liebe. Es ist ihnen gegenüber eine Art von Zuneigung, die viel tiefer geht als jede Partnerschaft. Mit meinen Freunden habe ich die intimsten Gespräche; sie dringen in meine Seele ein und können Gefühle in mir auslösen, die bislang kein Partner auslösen konnte. Im Idealfall finde ich einmal jemanden, der für mich Freund und Partner zugleich sein kann; ich denke, das ist die ideale Beziehung.

Die tiefste Freundschaftsliebe, die ich kenne, empfinde ich gegenüber meiner besten Freundin; manchmal sehe ich sie an und könnte einfach nur losweinen, weil ich sie so sehr liebe. Wir sehen uns nur zwei bis drei Mal im Jahr, weil sie in England lebt; wenn wir das erste Mal nach langer Zeit voreinander stehen, muss ich jedes Mal mit den Tränen kämpfen, weil ich mich so sehr freue, sie wiederzusehen.
Als sie letztes Jahr sehr krank war, war das für mich eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Ich konnte nicht bei ihr sein und ihr beistehen und ich hatte Angst, sie nie mehr wiederzusehen. Ich musste mich unglaublich zusammenreißen, einfach mein Leben weiterzuführen. Bei jedem ihrer Arztbesuche hatte ich viel mehr Angst vor dem Ergebnis, als ich zugab; ich konnte ihr nicht sagen, wie sehr ich mit ihr litt, aber ich denke, sie wusste es auch so. Ich weiß, dass sie das jetzt lesen wird und ich weiß auch, dass sie heulen wird; wir heulen ständig, weil wir einander haben. Liebe verträgt eben auch Tränen.

Eine Art der Liebe, die einfach so vorausgesetzt wird, ist die gegenüber der Familie. Nun. Lieben wir wirklich aufrichtig alle unsere Familienmitglieder?
Ich liebe meine Schwester; jedoch nicht so sehr, wie ich es könnte. Wir sind uns einfach zu fremd, um ein richtiges Band zu knüpfen; ich finde das oft schade, weiß aber nicht, wie ich es ändern könnte.
Meine Eltern liebe ich richtig. Je älter ich werde, desto mehr, habe ich den Eindruck. Vielleicht, weil ich mit zunehmendem Alter immer mehr zu schätzen weiß, was sie schon in ihrem Leben für mich getan haben und immer noch tun. Meinen Eltern zu sagen, dass ich sie liebe, fällt mir sehr schwer, aber bei ihnen vertraue ich darauf, dass sie es wissen. Ich zeige es ihnen allerdings auch mittlerweile. Ich sage eher „Ich habe dich lieb.“ als „Ich liebe dich.“ zu ihnen. Als ich das erste Mal, vor einigen Jahren an Silvester, diese Worte an sie schickte, waren sie offenbar sehr überrascht. Das ist ok; irgendwann musste ich mal damit anfangen, es zu verkünden, und wenn es überrascht, macht das nichts.

Die einzigen Verwandten, die ich so sehr liebte wie meine Eltern, waren meine Lieblingsgroßeltern. Sie wohnten in der Wohnung unter uns; bis zu meinem Auszug mit 19 Jahren sah ich sie, mit Ausnahmen von Urlaubsreisen und meinen (oder ab und an ihren) Krankenhausaufenthalten, täglich. Von ihnen habe ich sehr viel gelernt und sie fehlen mir auch jetzt, acht Jahre, nachdem sie beide gestorben sind, immer noch sehr. Wenn ich bei etwas nicht weiter weiß, stelle ich mir manchmal vor, ich unterhielte mich mit ihnen. Ich höre dann immer noch ihre Stimmen und weiß noch genau, wie sie rochen. Wie sie sich anfühlten.
Meine Erinnerungen an Oma und Opa sind die schönsten und zugleich schmerzhaftesten; in solchen Momenten tut Liebe unglaublich weh.

oma-und-opa

Von Oma und Opa habe ich mein Idealbild einer Beziehung übernommen; es ist unglaublich kitschig und altertümlich, aber ich mag es. Ich glaube daran, dass man einen Menschen finden kann, den man sein Leben lang so sehr liebt und wertschätzt, dass man auch mit über achtzig Jahren noch jeden Abend Händchen haltend einschläft, so, wie sie es taten.
Ich weiß nicht, ob meine Großeltern einander immer treu waren; ich weiß auch nicht, ob sie vielleicht mal an einem Punkt waren, an dem sie sich getrennt hätten, wäre das zu ihren Zeiten schon so einfach realisierbar gewesen wie heute. Ich weiß aber, dass sie, egal, was sie zusammen erlebt haben, im Alter immer noch sehr liebevoll im Umgang miteinander waren. Manchmal auf eine Art, die für Aussenstehende nicht nach Liebe aussah, aber wer meine Oma kannte, wusste, dass sie Liebe von Zeit zu Zeit etwas seltsam zeigte. Ich glaube, das habe ich von ihr übernommen.
Vielleicht finde ich diesen Menschen, der mir zugleich Freund und Partner ist und kann mit ihm genau so schrecklich süß sein wie meine Großeltern es waren; das ist durchaus eine schöne Vorstellung.

Nun; was möchte ich denn nun mit diesem Beitrag eigentlich sagen?
Ich denke, wir sollten dazu stehen, dass wir Menschen lieben. Wir sollten Liebe aber nicht zu etwas machen, was wir exklusiv einer Person geben. Meine Liebe zu meinen Freunden ist eine andere als die zu meiner Familie und noch dazu eine ganz andere als die zu einem Partner. Manchmal gehört meine Liebe sogar vollkommen fremden Menschen für einen kurzen Augenblick, wenn ich finde, sie verhalten sich toll. Ich liebe auch meine Katzen, egal, wie bescheuert das manch Einer finden mag.

familienfoto

Liebe ist nicht einfach, jemanden mehr zu mögen als andere. Liebe ist dieses unbeschreibliche Gefühl, das niemand in Worte zu fassen vermag. Dieses Gefühl, das dich manchmal überkommt, wenn du es eigentlich gar nicht gebrauchen kannst. Das dich lachen lässt, obwohl du deinem Gegenüber gerade gerne die Luft abdrücken würdest. Das dich traurig macht, obwohl es eigentlich sehr schön ist. Das dich vielleicht sogar manchmal an deinem Verstand zweifeln lässt. Liebe muss nicht immer nur Spaß machen; sie darf auch weh tun. Ich glaube, sie MUSS sogar ab und zu weh tun.
Es gibt Menschen, die nicht in der Lage sind, Liebe in all ihren Schichten zu sehen; sie halten deine freundschaftliche Liebe für Verliebtheit und weisen dich deshalb ab; sie denken, Liebe sei einem Partner vorbehalten. Ich bin froh, nicht mehr zu diesen Menschen zu gehören; seit ich akzeptiert habe, dass ich mir nicht aussuchen kann, bei wem mein Herz aufgeht, ist mein Leben viel schöner.

Wer den Blog aufmerksam liest, weiß, wobei mein Herz noch aufgeht – bei Ökothemen. Freitag erzähle ich euch daher etwas zu einem Projekt, das ich Ende Oktober starten werde; es geht um meine Haare und es klingt ekelig.

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6 Gedanken zu “… einfach mal „Ich liebe dich.“ sagen?

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