… das Leben umarmen?

Eigentlich wollte ich „… das Leben wertschätzen?“ schreiben; umarmen klingt aber hippiemäßiger und gefällt mir besser – also umarmen wir es!

Als ich in die Pubertät eintrat, entwickelte ich eine Neigung, das Leben als „scheiße“ zu bezeichnen; mein Körper war scheiße, meine nicht so richtig vorhandenen Freunde waren scheiße, meine Eltern fand ich auch öfter mal scheiße (eher Papa als Mama, das knallte öfter mal!), mein Heimatkaff war scheiße. Für mich also insgesamt das Leben. Mittlerweile finde ich vermessen, das Leben als scheiße zu bezeichnen – nichtsdestotrotz tun viele von uns es.

Eigentlich sollten wir uns glücklich schätzen, dass wir leben dürfen. WIE wir leben dürfen. Die wenigsten von uns leben unter der Brücke; ich gehe zumindest davon aus, dass diejenigen, die das hier lesen, das nicht tun; wenn doch, gib dein Geld bitte für etwas Anderes als das Internet aus! Wir haben Essen, können uns Luxusartikel kaufen, Haustiere finanzieren, sind größtenteils gesund oder aber haben die Möglichkeit, auf Medikamente zuzugreifen – Dinge, die längst nicht für jeden Menschen auf dieser Welt selbstverständlich sind. Für uns sind sie selbstverständlich und deshalb neigen wir dazu, sie nicht mehr wahrzunehmen; insbesondere, wenn es uns schlecht geht.
Haben wir Liebeskummer, finden wir das Leben plötzlich nicht mehr lebenswert. Sind wir krank, finden wir es nicht mehr lebenswert. Verlieren wir einen Freund, sieht es nicht anders aus. Dabei bietet uns das Leben so viel.

Obwohl ich Krebs hatte und mir deswegen sehr bewusst bin, dass ich nur dieses eine Leben habe und es in vollen Zügen genießen und lieben sollte, egal, wie viele Höhen und Tiefen es bereit hält, neige ich manchmal dazu, alles doof zu finden. Ich habe mir allerdings abgewöhnt, dann das Leben im Allgemeinen als scheiße zu bezeichnen. Eigentlich ist das Leben sehr, sehr schön und wir können oftmals selber entscheiden, ob wir uns von Dingen runterziehen lassen. Ich lasse mich also ganz bewusst nicht mehr von simplen Gegebenheiten beeinträchtigen; eine positive Grundhaltung gegenüber dem Leben – mit all seinen Facetten – macht alles soviel schöner.

Ich werde oft gefragt, warum ich denn so strahle. Ich bin dann immer überrascht, weil ich gar nicht merke, dass ich das tue. Diejenigen, die das fragen, erwarten immer, dass ich einen ganz bestimmten Grund nenne – das kann ich aber nicht. Der Grund, warum ich strahle, ist, dass ich lebe. Ich weiß, dass ich schon längst tot sein könnte (wie Papa jedes Jahr an meinem Geburstag sagt: „xy Jahre Grabschmuck wären teurer als die Einladung zum Essen.“; damit hat er vollkommen Recht und ich weiß, dass er mir damit zeigt, wie sehr er sich über meine Existenz freut). An meinem letzten Geburtstag wurde mir das sogar so bewusst, dass ich zusammen mit meinen Eltern anfing zu weinen. Im Restaurant. Als der Nachtisch serviert wurde. Das war ein bisschen peinlich, aber irgendwie auch in Ordnung.
Unser kollektiver Tränenausbruch wurde dadurch bedingt, dass wir über meinen Job in der Strahlentherapie sprachen; ich erzählte von einem Patienten. Manchmal sterben meine Patienten nämlich.

Dass meine Patienten sterben, war auch der Anlass für diesen Beitrag. Letzte Woche erfuhr ich vom Tod eines meiner Lieblingspatienten. Lieblingspatient klingt erstmal bekloppt, aber es ist einfach so; manche Patienten schließt man in sein Herz. Den besagten behandelten wir mehrfach; ich weiß nicht, ob es nur ein unglaublich lang wirkendes Jahr war oder mehrere normal lange, die er mit uns verbracht hat, aber das ist auch vollkommen irrelevant. Ich werde ihn für immer im Herzen behalten, weil er so ein fröhlicher und lieber Mensch war. Egal, wie schlecht es ihm ging, er hat noch gelacht und Späßchen gemacht. Hat sich erkundigt, wie es uns, den Behandelnden, ging.
Für mich war er der Inbegriff eines lebensbejahenden Menschen – er hat das Leben umarmt.
Durch seinen Tod ist mir wieder mal aufgefallen, wie viele Menschen ihr Leben nicht mögen und so tun, als sei es unfassbar schrecklich, auf der Welt zu sein. Manchmal möchte ich diese Menschen nehmen und schütteln. Ihnen sagen, dass es Leute gibt, denen es um Längen schlechter geht als ihnen. Natürlich ist persönliches Leid nicht toll. Es ist auch vollkommen normal, dass es für einen selbst in dem Moment einen unglaublich großen Raum einnimmt. Es macht aber das Leben nicht per se schlecht.

Wir müssen lernen, weniger in Selbstmitleid zu verfallen; sehen, was unser Leben an schönen Dingen bietet. Ich erlebe todkranke Menschen, die optimistischer sind als viele kerngesunde Leute; wie kann das sein?

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich mein Leben liebe. Manchmal finde ich meinen Job furchtbar; sei es, weil zu viel zu tun ist oder weil wir unangenehme Patienten haben. Ich habe ab und zu auch Liebeskummer oder bin wütend auf jemanden. Wenn ich unkontrolliert shoppen gehe, muss ich manchmal auch ganz schön rechnen, damit ich mit meinem Geld hinkomme. Diese Dinge könnten mich dazu veranlassen, mein Leben nicht mehr zu mögen, aber das tun sie einfach nicht. Solange ich nicht mit wachem Geist, aber totem Körper in einem Krankenhauszimmer liege, werde ich mein Leben wertschätzen und lieben. Annehmen, was da kommt und das Beste daraus machen.

Egal, wie lebensbejahend man ist – manchmal muss man „Nein“ sagen. Darum wird es Montag gehen; vorher führe ich aber noch eine Neuerung auf sojakoala.wordpress.com ein; man darf gespannt sein!

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