… auf Schönheitsideale scheißen?

Schönheitsideale sind meiner Meinung nach hauptsächlich eins: nicht erstrebenswert.

Schalte ich den Fernseher ein oder sehe das Cover einer Zeitschrift, sehe ich oft perfekt gestylte, makellose Menschen. Frauen ohne Falten, alle nicht älter als 35 Jahre (wenn überhaupt so alt!), mit perfekt pigmentierten Haaren und Haut ohne jegliche Unebenheit. Männer mit leichten Fältchen, gerne auch ein paar grauen, aber auf jeden Fall perfekt frisierten, Haaren, Dreitage – oder Vollbart und lässigem Outfit.
Gehe ich auf die Straße, sehe ich nur äußerst selten solche Menschen. Dort sehe ich Frauen jedweder Altersklasse mit unordentlichen Haaren, hektischen Flecken im Gesicht und durchaus auch Falten. Männer mit Augenringen,  Strubbelkopf und Klamotten, die vorne und hinten nicht zusammen passen. Menschen, die mir viel sympathischer erscheinen als diejenigen, die mir in den Medien präsentiert werden.

Es ist nicht so, als wären Schönheitsideale eine Erscheinung unserer Zeit.
Wurde in der Renaissance beispielsweise ein Doppelkinn als attraktiv angesehen, so schämen wir uns heutzutage dafür. Von mir selber weiß ich, dass ich immer penibel darauf achte, wie mein Kinn auf Fotos aussieht – ich habe einen seltsam geformten Hals (ein bisschen wie ein Pelikan mit diesem Hängesack, wenn man von der Seite guckt… ), der mir gerne mal ein Doppelkinn zaubert; ich mag diesen Anblick nicht und habe durchaus schon erlebt, dass sich darüber lustig gemacht wurde.
In China wurden früher jungen Mädchen die Füße gebrochen und zu einer speziellen Form zusammengebunden, damit die sogenannten Lotusfüße entstanden; ein Schönheitsideal, das dafür sorgte, dass man nicht mehr richtig gehen konnte – man war aber immerhin schön!
Auch im dritten Reich wurden durchaus Schönheitsideale propagiert; wir alle kennen sie aus dem Geschichtsunterricht (hoffe ich…) und ich werde wohl nie vergessen, wie oft mir meine Oma sagte „Ein deutsches Mädchen schminkt sich nicht.“

lotusfus-jo-farrell
Der Fotograf Jo Farrell hat in einem Projekt gezeigt, wie Lotusfüße aussehen; diess Foto finde ich sehr beeindruckend.

Im Gegensatz zu früher findet heutzutage eine permanente Konfrontation mit dem, was uns als „schön“  – und infolgedessen als erstrebenswert – verkauft wird, statt.
Wir sind umgeben von Internet, Fernsehen, Reklame, Zeitschriften; selbst angeblich von Schönheitsidealen freie Werbung wie beispielsweise die Dovewerbung, in der Frauen unterschiedlicher Statur gezeigt werden, erreicht ihr Ziel nur begrenzt; die dargestellten Personen haben alle die makellose und vermutlich nicht von Natur aus so aussehende Haut, die wir angeblich mit zig Cremes und Duschgelen erreichen können. Ob wir dieses Ziel erreichen wollen, fragt niemand; es wird uns auferlegt, dass wir so auszusehen haben.

Wer dem Blog schon länger folgt, der sollte bereits gemerkt haben, dass ich auf einem Weg bin, der mich weg führt von den allgemeinen Vorstellungen der Gesellschaft; ich will nicht aussehen, wie es von mir erwartet wird, nur, um dazu zugehören. Wozu denn überhaupt? Zu einem Brei gleich aussehender Menschen?
Ich mag individuelles Aussehen. Ich liebe es, Anderen ins Gesicht zu schauen und die Eigenheiten zu bewundern. Meine beste Freundin zum Beispiel hat ganz wunderschöne Lachfalten entwickelt, seit ich sie kennengelernt habe. Ich weiß nicht, ob sie sie überhaupt wahrgenommen hat (spätestens jetzt), aber ich sehe sie unglaublich gerne an. Der Herr, den ich ab und an treffe, hat einen weißen Flecken im Bart; ich kann mir sein Gesicht gar nicht ohne vorstellen.
Eine Arbeitskollegin, die ich sehr gern habe, hadert oft mit ihrer Figur, aber ich finde, sie hat tolle Proportionen. Es sieht einfach rund aus – nicht im Sinne von kugelig -; es ist sehr stimmig und schön anzusehen.

Viele von uns haben verlernt, ihre eigene Schönheit zu sehen. Kein Wunder, wird es uns doch so gut abtrainiert. Wir kriegen präsentiert, wie junge Frauen rein nach Äußerlichkeiten beurteilt und aussortiert werden; es gibt ganze Sendungen dazu, die mit Spannung verfolgt werden. Ich konnte mich noch nie für Dinge wie „Germany`s Next Topmodel“ erwärmen (mit dem Pendant, in dem nun mollige Frauen gecastet werden, geht es mir genauso). Dort beurteilen Menschen, die nur aufgrund ihrer finanziellen Lage die Mittel haben, sich „schön“ zu machen, das zumeist recht natürlich präsentierte Äußere anderer Menschen; kritisieren sie für etwas, was sie selbst nicht von sich zeigen.

Da ich ein Kind unserer Gesellschaft bin, hatte ich selber lange Zeit Probleme damit, mich einfach so zu akzeptieren und zu lieben, wie ich bin. Ich habe Beine, die ich selber als Kartoffelstampfer bezeichne. Um noch einmal Oma zu zitieren: „Du bist so ein hübsches Mädchen, aber die Beine haste von mir!“. Da hatte sie Recht. Ich fürchte, ich werde auch irgendwann ihre Winkearme haben. Das macht nichts, denn ich habe ausserdem ihre tollen Augen und Opas schöne Wangenknochen geerbt.
Ich habe ein Becken, das gemeinhin als gebärfreudig bezeichnet wird; an so einem Becken kann naturgemäß kein allzu kleiner Hintern sein. Kriege ich mit, dass Frauen ins Fitnessstudio rennen, um ihren Allerwertesten zu vergrößern, lache ich mich innerlich immer wieder scheckig. Ich muss einfach keinen Sport machen und zack! habe ich einen Po, von dessen Ausmaß andere Frauen träumen.
Der Trend des Riesenpos hat mir klargemacht, dass jeder von uns etwas an sich hat, um das Andere ihn beneiden. Der Eine hat tolle Haare, der Andere schöne Hände, während man selber seine tollen Haare auf kleinen Hobbithänden hat. Dafür hat der Mensch mit den Hobbithänden vielleicht ein hinreissendes Lächeln, um das ihn derjenige mit den schönen Händen beneidet.

Ich denke ausserdem, dass jeder von uns von irgendjemandem als schön empfunden wird. Ich wurde schon oft dafür zurechtgewiesen, dass ich sagte, ich finde jemanden hässlich. Ich sage allerdings bewusst „Ich finde xy hässlich.“ und nicht „Xy ist hässlich.“. Zwischen diesen beiden Sätzen besteht ein himmelweiter Unterschied, denn während der erste meine Meinung wiederspiegelt, impliziert der zweite einen feststehenden Fakt. Ich kann jedoch nicht entscheiden, wie jemand Anderes xy findet. Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn jemand mich hässlich findet. Man muss es einander nicht sagen, denn das verletzt und erzeugt Selbstzweifel, aber man darf es ruhig so empfinden.

Seit ich verstanden habe, dass ich keinem Schönheitsideal entsprechen muss, um glücklich zu sein und geliebt zu werden, fühle ich mich um Längen wohler. Habe ich mal einen schlechten Tag, an dem ich meinen Bauch zu dick oder meine Augen zu klein finde, dann weiß ich, dass ich auch sehr schön aussehen kann; wir sehen eben auch nicht jeden Tag gleich aus.
Zu diesem Selbstwertgefühl zu kommen, erfordert Arbeit. Ich habe eine Weile ganz bewusst beobachtet, was ich denn an mir mag. Habe jeden Winkel meines Körpers begutachtet und entdeckt, dass ich eine hübsche Blinddarmnarbe habe. Meine Daumen haben eine schöne Form, während meine anderen Finger eher aussehen wie komisch geformte Würste. Mein Gesicht ist allgemein ganz hübsch, finde ich. Die Geheimratsecken, die ich von Papa geerbt habe, könnten ein paar Haare vertragen, aber es gibt Schlimmeres.
Auch meine Stampfbeine sind in Ordnung; mal ganz davon abgesehen, dass sie von schönen Tattoos geziert werden, sehen sie einfach fraulich aus. Dass ich Cellulite habe, ist mir mittlerweile auch egal. Die ist da eben, ob ich damit hadere oder nicht. Sie wird nicht davon weggehen, dass ich sie unschön finde.

Man hört oft, wahre Schönheit komme von Innen – ich bin mittlerweile der Ansicht, dass das stimmt. Wer sich selbst mag, der strahlt das auch aus.
Als Vorbereitung auf mein morgen startendes NW/SO – Projekt (hier der Link, falls du nicht weißt, wovon ich rede: https://sojakoala.wordpress.com/2016/09/23/nwso/) laufe ich nun zum wiederholten Male in den letzten eineinhalb Monaten mit unglaublich fettigen Haaren rum; nichtsdestotrotz mag ich, wie ich aussehe und bin noch auf niemanden gestoßen, der sagte, ich sehe nicht gut aus.

Wir sollten lernen, uns und Andere so zu nehmen, wie wir und sie sind. Einer Vorstellung hinterherzulaufen, die uns verkauft wird von Menschen, die letztendlich an unseren Selbstzweifeln Geld verdienen wollen, belastet und erschwert unnötig das Leben; wir sind doch nicht auf der Welt, um so zu sein, wie uns jemand Anderes gerne hätte. Wir müssen lediglich uns selbst gefallen und dann werden ganz von allein Menschen in unser Leben treten, die uns genau so mögen. Die unsere Falten ansehen und lächeln. Die unsere Zahnlücken lieben. Unsere Narben nicht als Narben sehen, sondern als Deko.

Um ein wenig im Themenkomplex zu bleiben, widme ich mich das nächste Mal unserem Umgang mit Sprache; oft nutzen wir Begriffe, deren Bedeutung uns in dem Moment gar nicht richtig klar ist, die aber etwas herabsetzen, was eigentlich nicht herab gesetzt werden sollte.
Dienstag ist es so weit; ausserdem kommt heute um 07:00 Uhr auch der offizielle Startbeitrag zum NW/SO – Projekt und am Sonntag ein weiteres Rezept.

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5 Gedanken zu “… auf Schönheitsideale scheißen?

  1. ❤ Sehr schön geschrieben und so wahr. Ich hoffe, dass dieser Beitrag viele Menschen erreicht – nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch der Inhalt. Ich kenne einige Beispiele, die das benötigen würden. (Die vor einem stehen und einen sichtbar! von oben bis unten angucken und angewiedert das Gesicht verziehen, weil man nun mal keine Idealmaße hat…. )

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  2. Hab mich schon sehr auf diesen Beitrag gefreut und wurde nicht enttäuscht 🙂
    Ich frag mich manchmal, ob man mit dem Alter etwas gelassener mit dem Thema umgeht, ob man einfach „weiser“ wird und realisiert, dass es so viel Wichtigeres gibt, als Schönheitsideale zum Lebensinhalt zu machen.

    Hab 3 Tage, bevor du diesen Beitrag ankündigtest, meine zugegebenermaßen eingestaubte Waage in den Müll befördert, da ich gemerkt habe, dass ihre Anzeige, sobald ich mich wiege, ungemein stresst, ich mich aber andererseits sehr wohl fühle, wenn ich einfach mal drei Wochen nicht drauf war (weil ich ihre Existenz kurzfristig vergaß).

    Danke für dieses ganz besondere Kompliment. Hab ganz breit gegrinst und mich gefreut.

    Lieb dich ❤

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