… auf unsere Wortwahl achten?

Worte.
Unsichtbare, ausgedachte Dinger, die in einer Sekunde unsere Gefühlswelt durcheinander bringen können wie kaum etwas Anderes.

Die deutsche Sprache hat einen Wortschatz sondergleichen; berücksichtigt man neben der Standardsprache die vielen Fachbereiche, mit denen der Mensch sich beschäftigt, so kommt man auf schätzungsweise fünf Millionen Wörter.
Das sind eine Menge Begriffe, mit denen der Wortgewandte seine Mitmenschen beeinflussen kann; doch selbst, wenn wir nicht darauf achten – manchmal sogar gerade dann – haben unsere Worte einen Einfluss auf das Gegenüber.

Was wir sagen, kann anderen Menschen den Tag versüßen oder verhageln; wir können Worte nutzen, um die Seele eines Anderen zu streicheln oder zu zerstören. Wir können mit ihnen heilen und trösten, aber auch Herzen zerfetzen.

Was mich angeht, muss ich sagen, dass ich all diese Spielarten der Sprache beherrsche und nutze; die eine mehr, die andere weniger.
Früher neigte ich dazu, Worte wie Waffen einzusetzen, sobald ich fand, dass mir jemand doof kam. Das ist für einen selber in dem Moment zwar hilfreich, beeinträchtigt den Betroffenen jedoch unter Umständen nachhaltig; ein geschickt gewähltes Wort und Selbstzweifel, die mühsam abgelegt wurden, sind wieder da. Längst vergessene Beleidigungen kommen wieder hoch, Ängste werden wach. Früher war mir egal, wenn Menschen meinetwegen so empfanden; heute ist das nicht mehr so. Ich bin dieser weitgehend harmoniebedürftige Mensch geworden, der lieber aufklärt, als verbal zu prügeln.
Wer mich bis auf`s Blut reizt, erlebt allerdings nach wie vor gezielt die verbale Zerstörung, das muss ich zugeben.

Wenn man anfängt, bewusst auf seine Worte zu achten, weil man nicht mehr länger ignorieren möchte, dass man Andere durch Unachtsamkeit verletzt, bemerkt man erstmal, wie beleidigend unsere Sprache oft ist, obwohl wir es gar nicht wollen.
Nenne ich jemanden „Spast“ (das Wort ist so unglaublich fest in meinem Wortschatz, dass es mir schrecklich schwer fällt, es mir abzugewöhnen, obwohl ich daran arbeite), beleidige ich denjenigen zwar im ersten Moment, eigentlich jedoch impliziere ich damit, dass ein Spastiker etwas Negatives ist. Ich beleidige also viel mehr sämtliche Spastiker dieser Welt, als denjenigen, den es eigentlich treffen soll.
Ähnlich verhält es sich mit „gay / schwul“. Die Wenigsten meinen böse, wenn sie etwas so nennen, doch im Grunde verlieren wir vollkommen aus den Augen, dass diese Begriffe durchaus eine Bedeutung haben. Eine in keinster Weise negative oder lachhafte Bedeutung, doch wir nutzen sie so. Ich sage bewusst „wir“, denn ich mache das nunmal auch. Es fällt mir mittlerweile allerdings jedes Mal auf und ich maßregele mich dann gedanklich selber.
Denkt man weiter darüber nach, bemerkt man, dass es sogar total unsinnig ist, jemanden als Beleidigung mit Tiernamen zu bezeichnen; was hat eine Kuh denn doofes an sich? Ist wirklich jedes Schwein fett?

Wenn ich meine, mich über jemanden so aufregen zu müssen, dass ich ihn beschimpfen muss, dann wähle ich jetzt andere Wörter als früher. „Kackwurst“ beispielsweise ist sehr schön. Kackwürste sind wirklich nur noch die Reste dessen, was man einmal gegessen hat und was der Körper nicht brauchte. „Arschloch“ ist auch ok; da kommen nur Kackwürste raus, man könnte es also schon regelrecht als Metapher werten, wenn man jemanden „Arschloch“ nennt.

Unser unbedachter Umgang mit Worten spiegelt sich jedoch nicht nur im Bereich der Beleidigungen wider; auch Selbstkritik äußern wir manchmal so ungeschickt und wenig durchdacht, dass wir damit unsere Mitmenschen treffen.
Ich hatte mal eine Freundin, die meinte, sich selbst immer wieder als dick bezeichnen zu müssen. Manchmal sagte sie auch „fett“, was meiner Meinung nach sowieso eine Bezeichnung ist, die derart herabwürdigend ist, dass sie niemand verdient hat.
Spricht man von sich selbst als dick, ist das an sich nichts, was Andere treffen sollte; spricht man jedoch von sich selbst als dick, wie besagte Freundin es tat, während daneben jemand steht, der bei gleicher Körpergöße deutlich mehr wiegt, gehört nicht viel dazu, zu bemerken, dass man gerade verletzend ist. Als sie zum gefühlt 500. Mal in meiner Gegenwart sagte, wie dick sie sei, fragte ich sie, was ich dann in ihren Augen sei – stark übergewichtig?
Dieses Beispiel lässt sich mit beliebigen selbstkritischen Äußerungen wiederholen; sage ich zum Beispiel, meine Haut sei ekelhaft verpickelt, so sollte ich darauf achten, dass ich das nicht zu jemandem sage, der viel mehr Pickel hat; nur, weil derjenige sich nicht dazu äußert, heißt das schließlich nicht, dass ihn seine Hautunreinheiten nicht stören.
Sage ich, dass ich ein soeben anprobiertes Kleidungsstück unsagbar hässlich finde, während meine Freundin es gerade kaufen möchte, sollte ich mich klarer ausdrücken und sagen, dass es AN MIR hässlich ist. Es sind ganz kleine Dinge, die manchmal tief treffen können.

Ich bin mit Sicherheit kein Unschuldsengel, was den Umgang mit Worten angeht; wie schon gesagt, kämpfe ich mit dem Begriff „Spast“ (ich weiß gar nicht, wo ich her habe, Menschen so zu nennen); auch Selbstkritik äußere ich manchmal absolut unbedacht und könnte mich im nächsten Moment in den Hintern treten, weil ich nicht darauf geachtet habe, mit wem ich gerade spreche.
Genau dieses Bemerken, was man da gerade getan hat, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.
Ich habe lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass meine Ausdrucksweise oft negativ ist; wer gibt schon gerne zu, sich schlecht zu verhalten?
Nun, da ich weiß, dass ich meine Sprache anders nutzen sollte, bemühe ich mich, das zu tun. Ich versuche, mich positiver auszudrücken; versuche, vielleicht einfach mal eine bissige Bemerkung oder ein entsprechendes Wort zurückzuhalten und stattdessen ein adäquates Wort oder aber einfach gar nichts zu sagen.

Achteten wir Alle ein wenig darauf, wie wir uns ausdrücken, könnten wir eine Welt kreieren, in der ursprünglich neutrale Worte nicht mehr länger negativ besetzt wären. Wir könnten Alltagsdiskriminierung beiseite schaffen und bewusst positiv agieren; mal wieder eine sehr schöne Vorstellung, von der ich denke, dass sie durchaus umsetzbar ist.

Im nächsten Beitrag – am Donnerstag – bleibe ich noch ein wenig bei Worten; es wird um ein ganz bestimmtes gehen, das ich jetzt noch nicht verrate.

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