… tolerant sein?

Wir sind alle total tolerant. Sagen wir zumindest immer. Ich denke jedoch, jeder von uns hat Bereiche, in denen seine Toleranz ausbaufähig wäre.

Kurz überlegte ich, ob ich mich wiederhole, wenn ich über Toleranz schreibe; in meinem Beitrag „… Vorurteile ablegen?“ (Hier entlang, wenn du ihn lesen möchtest: https://sojakoala.wordpress.com/2016/08/30/vorurteile-ablegen/) ging es schließlich schon einmal darum, wie wir anderen Menschen begegnen.
Sich tolerant verhalten und Vorurteile ablegen sind allerdings zwei Paar Schuhe, stelle ich bei näherer Betrachtung fest.

Ich weiß gar nicht recht, wie ich darauf kam, über Toleranz zu schreiben; während des letzten Beitrags musste ich irgendwie daran denken, weil mir in den Sinn kam, wie ablehnend einige Menschen mir gegenüber reagierten, als ich Krebs hatte und wie oft ich von meinen Patienten höre, dass auch ihnen diese Ablehnung entgegen schlägt; das löste so eine Grübelei zu dem Thema aus.
Wir scheinen uns sehr schwer damit zu tun, fremde Dinge zu tolerieren, statt sie zu verteufeln.

Bleiben wir einmal beim Beispiel der Krebserkrankung; eigentlich sind Krebs und die damit verbundenen Begleiterscheinungen gar nichts, was man tolerieren oder nicht tolerieren kann, finde ich. Krebs existiert einfach und niemand ist Schuld daran, wenn er es bekommt. Beschließt nun aber eine Frau, zu ihrer chemobedingten Glatze zu stehen, so wird das oft nicht einfach geduldet. Nicht toleriert eben. Im Gegenteil; wer beschließt, zu seinem krankheitsbedingten Haarausfall zu stehen, statt sich der gewünschten Norm zu beugen und eine Perücke zu tragen – oftmals wirklich billig aussehende Fiffis, übrigens -, der wird behandelt, als sei er ein Querulant. Ich erlebe immer wieder, dass Patientinnen erzählen, sie trauen sich nur während der Behandlungsdauer in unserer Abteilung, die Perücke abzulassen, weil ihnen sonst so negativ begegnet wird.
Wieso verhalten wir uns so intolerant gegenüber einem Verhalten, das eigentlich vollkommen nachvollziehbar ist? Hätten wir in der gleichen Situation nicht vielleicht auch das Bedürfnis, uns einfach zeigen zu dürfen, wie wir es wollen? Würden wir selber uns auch noch verstecken wollen, wenn wir sowieso schon krank wären und darunter litten?

Auch gegenüber fremden Kulturen zeigen wir oft mangelnde Toleranz. Wir alle wissen, dass in unserem Land derzeit viele unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen; sind wir wirklich so tolerant wie wir uns geben?
Sicher kann ich diese Frage nur für mich selbst beantworten – ich bemühe mich, zu tolerieren, wie Flüchtlinge (ich mag das Wort nicht, aber es gibt einfach kein anderes dafür) ihre Kultur leben. Leben wollen. Ich finde, sie sollen sie auch weiterleben; nichtsdestotrotz ist es manchmal schwierig, mir vollkommen fremde Dinge zu tolerieren. Einfach, weil ich sie nicht kenne und deswegen vielleicht nicht nachvollziehen kann. Für gewöhnlich habe ich jedoch keinen Nachteil davon, wenn auf die Kultur anderer Menschen eingegangen wird; warum also sollte ich daran Anstoß nehmen? Beeinträchtigt mich beispielsweise, wenn Produkte im Supermarkt als „halal“ gekennzeichnet sind? Nein. Befremdete es mich anfangs? Ja. Muss ich deswegen mit Intoleranz darauf reagieren? Mit Sicherheit nicht.

Wenn wir sowieso schon bei der Kennzeichnung von Waren sind, ist es ein leichtes, auch das Thema Veganismus anzusprechen.
Noch nie zuvor wurde ich so oft mit Intoleranz bedacht wie seit dem Tag, an dem ich beschloss, mich anders zu ernähren. Im Grunde kann anderen Menschen vollkommen egal sein, was ich esse oder nicht esse; mir ist es schließlich andersrum genauso egal. Ich toleriere, wie sich meine Mitmenschen ernähren. Vielen Menschen ist es jedoch offenbar schlicht und ergreifend nicht möglich, schweigend zu dulden, wenn jemand sich tierleidfrei ernähren möchte; nein, lieber werden Schwachstellen an dieser Ernährungsweise gesucht. Es wird stundenlang erörtert, wie ungesund dieses und jenes Produkt ist, wieviel Regenwald für „mein“ Soja abgeholzt wird (übrigens längst nicht soviel wie für die Massentierhaltung), was ich nicht essen „darf“ (falsch, ich MÖCHTE einiges einfach nicht essen). Kann man nicht einfach hinnehmen, dass Jeder sich ernähren kann, wie er möchte?

Auch Beziehungsmodelle erfordern unter Umständen ein relativ hohes Maß an Toleranz von der Umwelt. War früher Monogamie das meist beworbene Modell, so gesellen sich allmählich auch andere Beziehungstypen hinzu. Werden bekannter. Auch das können wir oft nicht gut tolerieren.
Mich geht es jedoch in keinster Wiese etwas an, wie andere Menschen ihre Beziehung führen. Wer mehrere Partner haben möchte, der soll das machen. Wer gar keinen Partner haben möchte, soll das genauso machen. Wer jeden Tag mit einer anderen Person Sex haben möchte, kann das auch selber entscheiden.
Ich kann mir über diese Dinge zwar ein Urteil erlauben, nichtsdestotrotz habe ich es jedoch zu tolerieren. Selbst, wenn es vollkommen befremdlich für mich ist, habe ich niemanden zu verurteilen, weil er für sich einen Weg wählt, der nicht meinem entspricht.

Im Grunde genommen nehmen wir uns mit Intoleranz die Möglichkeit, unseren Horizont zu erweitern.
Lassen wir zu, dass andere Ideen, die uns eventuell sogar seltsam vorkommen, neben unseren eigenen existieren, können wir soviel lernen. Wir können uns weiter entwickeln, wenn wir einfach akzeptieren und dulden, wie andere Menschen ihr Leben leben. Sie werden es so oder so auf ihre eigene Art machen, ob wir das tolerieren oder nicht. Im Schlimmstfall verlieren wir wichtige Personen, weil wir ihre Gedanken und Handlungsweisen nicht akzeptieren.
Zwar sollte man nicht hemmungslos alles tolerieren – rechtsgerichtete Verhaltensweisen beispielsweise -, doch ich denke, wir sollten lernen, fremden Dingen eine Chance zu geben. Wir können uns nicht ewig vor Wandel verkriechen, also sollten wir ihn mit offenen Armen empfangen!

Morgen erscheint bereits das nächste Haarupdate; in den nächsten Tagen (das hängt von meiner Zeit ab) erzähle ich auch mal wieder, wie es mir ohne Pille geht und Sonntag gibt es ein neues Rezept.
Dienstag lasse ich mich mehr zum Thema Beziehungsmodelle aus; meine Ansicht dazu hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt.

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Ein Gedanke zu “… tolerant sein?

  1. Ein schöner Artikel mit einem wichtigen Thema das du da ansprichst. Ich denke das Menschen so lange sich als tolerant erachten, bis es zu eigenen, persönlichen „Einschränkungen“ kommt. Egal ob diese tatsächlich oder nur gefühlt existieren. Fremdenhass wird immer damit „toleriert“ das man zwar nix gegen fremde Kulturen hat, aber auch bloß nix damit zu tun haben möchte.
    Ich finde tolerant sollte man unbedingt sein und auch immer wieder seine eigene Denkweise in Frage stellen. Nur so lernt man auch dazu…

    Viele Grüße an dich!
    Maria

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