… Reden ist Silber, Schweigen ist Scheiße?

Mit dem Reden ist das so eine Sache; redet man den ganzen Tag nur Quatsch, nervt es. Redet man jedoch gar nicht, auch nicht über wichtige Dinge, kann das sehr viel zerstören.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Mensch bin, der sehr viele Worte am Tag verliert. Ich stehe morgens auf und kann sofort ohne Punkt und Komma los plappern; nicht umsonst schreibe ich einen Blog.
Während mein stetes Bedürfnis zu reden durchaus als Schwäche angesehen werden könnte, sehe ich es eher positiv. Immerhin bin ich in der Lage, auch dann zu sprechen, wenn mich etwas stört.

Ich kenne viele Menschen, die, anders als ich, gerne schweigen. Sie schweigen, wenn sie glücklich sind, sie schweigen, wenn sie traurig sind. Sie schweigen, wenn sie etwas toll finden und sie schweigen, wenn sie etwas stört. Das ist schrecklich. Ich bin ein großer Freund davon, zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Warum man dann schweigt, erschließt sich mir nicht.

Vielleicht kennt ihr das selber – ihr seid in einer Beziehung, gerade ganz frisch, alles ist schön. Ihr sprecht darüber, dass bitte ehrlich gesagt wird, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Im Laufe der Zeit merkt ihr, dass das Gegenüber bedrückt wird und den Anschein erweckt, etwas sei im Argen. Auf Nachfrage erhaltet ihr jedoch die Antwort, alles sei okay. Eines Tages kommt der Tag, an dem ihr euch streitet. Genau an diesem Tag passiert auf einmal etwas, was eigentlich nicht passieren sollte – alles, was sich bisher aufgestaut hat, platzt heraus. All die Kleinigkeiten, die jemals als störend empfunden wurden, all die Bemerkungen, die falsch aufgefasst wurden, all die Situationen, die für den Anderen nicht schön waren, werden auf den Tisch geknallt. Auf einmal wirkt es, als sei nie etwas gut gewesen, sondern immer alles schlecht. Es sind so viele Probleme, die plötzlich angesprochen werden, dass sie jetzt nicht mehr zu lösen sind. Man trennt sich.
Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich das schon erlebt habe. Ich werde allerdings mit jedem erneuten Mal saurer deswegen. Ich fordere meine Partner immer dazu auf, ehrlich zu sagen, wenn irgendetwas ist, damit man es klären kann.

Mangelnde Ehrlichkeit ist, glaube ich, was oftmals zu obiger Situation führt. Während wir zwar Ehrlichkeit uns gegenüber erwarten, sind wir nicht gewillt, sie selber auch zu geben.
Ehrlich über Dinge zu reden, erfordert Mut. Es ist nicht immer leicht, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass wir etwas nicht gutheißen. Ist es jemand, mit dem wir eine Beziehung führen, ist es umso schwieriger; unter Umständen verletzt es denjenigen oder führt zu Streit.
Was haben wir jedoch davon, wenn wir in den falschen Situationen schweigen? Im Schlimmstfall endet es wirklich damit, dass wir irgendwann vor einem Berg an Problemen stehen, die wir einfach nicht mehr bewältigen können, während jedes Problem für sich lösbar gewesen wäre.

Neulich wurde ich von jemandem gefragt, ob es für mich nicht doof sei, wenn eine Weile keine Nachrichten von demjenigen kämen. Ich hatte in dem Moment die Wahl zwischen Reden und Schweigen.
Reden und offen sagen, dass es mich durchaus stört, weil ich denke, ich sei nicht mehr erwünscht, dass ich aber weiß, dass das Quatsch ist und alles nur in meinem Kopf passiert oder Schweigen und so tun, als sei es für mich kein Problem und so das Verhalten meines Gegenübers bestärken. Eventuell damit sogar den Eindruck erwecken, er sei mir weniger wert, als er es ist. Ich bin froh, dass ich mich dazu durchrang, zu sprechen, denn seitdem ist der Quatsch in meinem Kopf verstummt. Ich bekam eine Antwort auf die in mir existierende Frage, ob ich unerwünscht sei und weiß nun definitiv, dass keine Nachrichten nicht schlimm sind.
Ich bin ausserdem froh, dass ich danach gefragt wurde, denn ich wusste selber nicht, wie ich das Gespräch anfangen sollte, hatte aber das Bedürfnis, darüber zu reden. In solchen Momenten freue ich mich sehr, dass ich Menschen kenne, die in der Lage sind, zu sprechen. Ich wünsche mir mehr solcher Menschen auf der Welt.

Manchmal erlebe ich bei Anderen mit, wie sie durch Schweigen Situationen unnötig verkomplizieren. Ich werde dann immer ein bisschen wütend. Wir sind doch erwachsene Menschen und sollten wissen, dass man Probleme ansprechen kann und muss. Stattdessen regen wir uns bei anderen Menschen darüber auf, wie doof XY ist. Anschließend kommt dann XY und regt sich ebenfalls auf. Erlebe ich, dass sich zwei Menschen bei mir über ihre Probleme mit dem jeweils Anderen auslassen, fordere ich sie mittlerweile auf, darüber zu reden. Es kommt auch durchaus vor, dass ich dann fallen lasse, dass es der Person, über die gesprochen wird, genauso geht und dass ich denke, ein offenes Gespräch könnte helfen. Bislang stoße ich damit leider immer nur auf Ablehnung, werde es jedoch weiterhin so versuchen. Irgendwann wird schon jemand Einsicht zeigen und den ersten Schritt auf den „Problemmenschen“ zugehen.

Obwohl ich selber den Rat erteile, das Gespräch zu suchen, fällt es mir selber auch sehr schwer.
Ich bin nun mal aufgewachsen in dieser Welt, in der wir Probleme lieber totschweigen, als sie anzusprechen. Ich arbeite mit Menschen zusammen, von denen ich weiß, dass der Großteil auf Gesprächsversuche ignorant oder sauer reagiert. Es muss nicht einmal wirklich kritisch formuliert sein; es kann einfach nur eine Aussage sein, die darlegt, wie ich mich gerade wegen einer Situation fühle und schon bin ich die Böse. Dass wir so auf Menschen reagieren, finde ich sehr schade.

Weil es mir in der Arbeitswelt schwer fällt, ehrlich zu sagen, wenn ich etwas nicht mag oder nicht gewillt bin, etwas zu tun, fange ich erstmal im Privatleben damit an. Als ich letzte Woche eigentlich mit Freundinnen verabredet war, aber überhaupt keine Lust hatte, etwas zu unternehmen, überlegte ich, welche Ausrede ich nun nutzen könnte. Während ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass Ausreden in einer Freundschaft nicht nötig sein sollten.
Ich sagte also die Wahrheit – dass ich sie mag, hoffe, dass ich weiterhin gefragt werde, wenn Unternehmungen anstehen, ich aber am heutigen Tage lieber alleine auf meinem Sofa sitzen möchte. Dass ich hoffe, sie verstehen mich.
Nun; ich WURDE verstanden. Meine Freundinnen schimpften nicht mit mir und ich hoffe, dass sie es mir wirklich nicht nachtragen. Wenn ich nicht zu Freunden ehrlich sein kann, zu wem dann?

Ich denke, manchmal ist es einfach besser, nicht zu schweigen. Manchmal sollten wir nicht überlegen, was der Angesprochene von uns denkt, sondern lieber darauf achten, was mit uns geschieht, wenn wir etwas unausgesprochen lassen, was uns auf der Seele brennt. Wer uns mag, der wird das auch noch tun, wenn wir ehrlich Dinge ansprechen. Ich für meinen Teil mag Menschen dann sogar umso mehr.

Donnerstag kommt der nächste reguläre Beitrag; es geht ums Loswerden von Altlasten; durch Taten, nicht Reden.

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3 Gedanken zu “… Reden ist Silber, Schweigen ist Scheiße?

  1. Für mich persönlich hat Sprechen oder Schweigen ganz viel mit Kraft zu tun. Habe ich viel, dann spreche ich. Habe ich wenig, dann schweige ich. Obwohl ich ein Mensch bin, der ähnlich wie du, gerne ohne Punkt und Komma redet. Mittlerweile beobachte ich mich selber, die Entscheidung über Reden oder Schweigen vertäte mir zuverlässig wie es tief in mir drin aussieht.
    LG Susann Müller

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    1. Kraft trifft es wohl ganz gut; früher hatte ich davon generell weniger, wenn es darum ging, belastende Dinge anzusprechen.
      Wenn ich schweige, weiß man bei mir jetzt auch zuverlässig, wie es in mir aussieht – zappenduster für’s Gegenüber. ;D

      Liebe Grüße
      Silja

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  2. spätestens wenn irgendwie der einstieg ins gespräch geschafft ist rollt es zum glück oft wie von selbst 😀 mein liebster einstieg ist „also ich weiß jetzt nicht wie ich das gespräch anfangen soll deswegen überspringe ich die sinnvolle einleitung und …“

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