… „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“?

Einmal im Jahr, am 24. Dezember, poste ich seit einigen Jahren dieses Märchen von Hans Christian Andersen.
Ich las es irgendwann in meiner Kindheit und liebe es seither und denke, wir können einiges davon lernen.

Da ich nun diesen Blog habe, werde ich das Märchen hier teilen statt auf Facebook.
Wenn ihr es gelesen habt, denkt einmal daran, wie gut ihr es habt. Was wir haben. Wen wir haben. Es ist nicht für jeden Menschen auf dieser Welt selbstverständlich, Weihnachten mit reich gedecktem Tisch, einem Haufen Geschenke und seinen liebsten Menschen zu verbringen.
Ganz im Gegenteil – viele Menschen, egal, ob sie nun Weihnachten feiern oder nicht, verbringen diesen Tag alleine. Viele verbringen ihn ohne Dach über dem Kopf; einfach, weil sie alles verloren haben. Durch Krieg, Krankheit oder anderes Unglück.
Denkt daran, wieviele von uns in diesen Tagen Menschen vermissen, die ihnen das Leben genommen hat. Freut euch, wenn ihr jetzt aufsehen und eure Mutter angucken könnt, auch wenn sie vielleicht manchmal nervt oder schwierig ist. Freut euch, dass ihr später alle zusammen Geschenke auspacken könnt, die euch teilweise nicht gefallen. Denkt daran, was ihr habt, wenn ihr das nächste Mal verächtlich einen Bettler anseht oder ein Vorurteil über geflüchtete Menschen hört – und dann tut etwas! Es muss nichts Großes sein; manchmal reicht es, dem Gegenüber zu sagen, dass die gerade geäußerte Ansicht eher nicht so cool ist.

Eigentlich wollte ich heute zeigen, was ich an Weihnachten anziehen werde; das passt hier aber nicht hin. Wenn ich mich nachher aufgehübscht habe – auch etwas, was nicht jedem Menschen möglich ist -, poste ich das lieber stattdessen auf Instagram, wo es schließlich weitestgehend um Oberflächlichkeiten geht.

Das Märchen diktiert mir übrigens dieses Jahr meine Mama aus ihrem Hans Christian Andersen – Buch!

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und eine schöne Zeit mit euren Liebsten!

Hier nun „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen.

Es war ganz abscheulich kalt; es schneite und es begann zu dunkeln und Abend zu werden; es war auch der letzte Abend im Jahr, der Altjahrsabend. In dieser Kälte und in dieser Dunkelheit ging ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen die Straße entlang; ja, sie hatte allerdings Pantoffeln angehabt, als sie von Hause fortging; aber was nützte das schon! Die Pantoffeln waren sehr groß gewesen, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen, so groß waren sie, und die verlor die Kleine, als sie über die Straße eilte, weil zwei Wagen so schrecklich schnell vorbeifuhren; der eine Pantoffel war nicht zu finden, und mit dem anderen rannte ein Junge weg; er sagte, den könnte er als Wiege gebrauchen, wenn er selber Kinder bekäme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten Füßen dahin, die rot und blau vor Kälte waren; in einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer, und ein Bund hielt sie in der Hand; den ganzen Tag über hatte ihr niemand etwas abgekauft; niemand hatte ihr einen kleinen Schilling geschenkt; hungrig und frierend ging sie weiter und sah ganz bedrückt aus, das arme kleine Ding! Die Schneeflocken fielen auf ihr langes, blondes Haar, das sich so hübsch im Nacken lockte, aber an die Pracht dachte sie wahrlich nicht. Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und dann roch es auf der Straße so wunderbar nach Gänsebraten; es war ja Altjahrsabend, ja, daran musste sie denken.

Drüben in einem Winkel zwischen zwei Häusern – das eine ragte etwas weiter in die Straße vor als das andere – setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen; die Beine hatte sie unter sich hochgezogen, aber sie fror noch mehr, und nach Hause getraute sie sich nicht, sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft, nicht einen einzigen Schilling bekommen, ihr Vater schlug sie dann, und kalt war es auch zuhause, sie hatten nur eben das Dach über sich, und da pfiff der Wind hindurch, obwohl die größten Ritzen mit Stroh und Lappen verstopft worden waren. Ihre kleinen Hände waren fast abgestorben vor Kälte. Ach! Ein Schwefelhölzchen würde guttun. Dürfte sie nur eines aus dem Bund herausziehen, es an der Wand anreissen und die Finger daran wärmen. Sie zog eines heraus, „Ritsch!“ wie das zischte, wie es brannte! Es war eine warme, helle Flamme, ganz wie ein Lichtchen, als sie die Hand darum legte; es war ein seltsames Licht! Dem kleinen Mädchen war es, als säße es vor einem großen, eisernen Ofen mit blanken Messingkugeln und einer Messingtrommel; das Feuer brannte ganz herrlich, wärmte so gut! Nein, was war das! – Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese aufzuwärmen – da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand – sie hatte einen kleinen Rest des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand.
Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein auf die Hauswand fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier; sie sah bis in die Stube hinein, wo der Tisch mit dem schimmernd weißen Tischtuch gedeckt stand, mit feinem Porzellan, und herrlich dampfte die gebratene Gans, mit Backpflaumen und Äpfeln gefüllt! Und was noch prächtiger war, die Gans hüpfte von der Platte, watschelte mit Gabel und Messer im Rücken durch das Zimmer; geradeswegs zu dem armen Mädchen kam sie gelaufen; da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke, kalte Hauswand war zu sehen.
Sie zündete ein neues an. Da saß sie unter dem schönsten Weihnachtsbaum; der war noch größer und noch prächtiger geschmückt als der, den sie bei dem reichen Kaufmann jetzt zu Weihnachten gesehen hatte; tausend Kerzen brannten an den grünen Zweigen, und bunte Bilder wie die, welche die Ladenfenster schmückten, blickten zu ihr nieder. Die Kleine streckte beide Hände hoch – da erlosch das Schwefelholz; die vielen Weihnachtslichter stiegen immer höher empor, sie sah, es waren nun die hellen Sterne, einer davon fiel nieder und hinterließ einen langen Feuerstreif am Himmel.

„Nun stirbt jemand!“ sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die einzige, die gut zu ihr gewesen war, die jetzt aber tot war, hatte gesagt: Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott hinauf.
Sie strich abermals ein Schwefelholz an der Hauswand an, das leuchtete weithin, und in seinem Glanze stand die alte Großmutter, so hell, so leuchtend, so mild und segensreich.
„Großmutter!“ rief die Kleine. „Oh, nimm mich mit! Ich weiß, du bist fort, wenn das Schwefelholz ausgeht; fort, wie der warme Ofen, der wunderbare Gänsebraten und der große, herrliche Weihnachtsbaum!“ – und sie strich geschwind den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, der im Bund war, sie wollte die Großmutter ganz festhalten; und die Schwefelhölzer leuchteten mit solchem Glanz, dass es heller war als am lichten Tag. Großmutter war nie zuvor so schön gewesen, so groß; sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und sie flogen in Glanz und Freude dahin, ganz hoch, ganz hoch; und da gab es keine Kälte, keinen Hunger, keine Angst – sie waren bei Gott!

Aber in der Ecke am Haus saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln um den Mund – tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging über dem kleinen Leichnam auf, der mit den Schwefelhölzern dasaß, von denen fast ein Bund abgebrannt war. Sie hat sich aufwärmen wollen, sagte man; niemand wusste, was sie schönes gesehen hatte, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!

 

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Ein Gedanke zu “… „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“?

  1. Jedes Mal bricht mir das Herz, wenn ich dieses Märchen höre oder lese, es reicht der Titel um alle Erinnerungen wach zu rufen und die Wertschätzung unseres Luxuslebens wahrzunehmen. Dankes, dass du es in genau dieser Zeit der Extreme mit uns teilst!

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