… „These boots are made for walking“?

Speziell für Menschen, die eine Fuß – OP hatten.
Während ich eine gewisse Tendenz habe, meinen Körper mit pflanzlichen Mitteln zu heilen, wo es nur geht, gibt es ab und zu Dinge, die einfach der Schulmedizin bedürfen – Hallux valgus zum Beispiel.

Was klingt wie eine Figur aus „Asterix und Obelix“, ist eigentlich eine Fehlstellung der Großzehe. Sagst du Mitte 20, dass du das hast, unterstellt dir erst einmal beinahe jeder, du hättest zu oft zu enge oder zu hohe Schuhe getragen; doof nur, wenn diese hübsche Deformation in deiner Familie angeboren ist.
Meine Mutter hatte ebenfalls seit ihren Zwanzigern Hallux valgus; ihre beiden Schwestern haben es, ihr Vater hatte es, meine Oma väterlicherseits hatte es – ich habe es auch. Bei Mama wurde es irgendwann so schlimm, dass sie nach einem halben bis einstündigen Fußmarsch den Fuß hoch legen musste und schreckliche Schmerzen hatte, die mit einer ständigen Überreizung des Großzehballens einhergingen.

Schmerzen sind für gewöhnlich, weshalb man sich irgendwann davor sträubt, bestimmte Schuhe zu tragen oder allzu lange zu laufen. Der Zeh tut weh, er stellt sich schief, aussen entsteht ein immer größer und röter werdender Ballen, während die anderen Zehen seitlich weg geschoben werden oder der große Zeh sich darüber legt.
Stellt euch vor, für solche Füße müsstet ihr Schuhe kaufen. Am besten noch schöne!
Wagt man es, etwas „figurbetonte“ Schuhe zu kaufen, sieht man bereits nach kurzer Tragedauer eine Beule; davon abgesehen, ist es alles andere als bequem, die Schuhe zu tragen. Man kauft also immer weitere und weitere Schuhe, in denen man möglichst gut laufen kann. Mein Highlight war, als Papa für Mama Turnschuhe seitlich ausschnitt, damit der Ballen rausgucken konnte – das war definitiv modenschauverdächtig!

Meiner Mutter reichte es irgendwann mit ihren Füßen; sie hatte schon lange vorgehabt, sie eines Tages operieren zu lassen, es jedoch wegen ihrer Selbstständigkeit immer wieder aufgeschoben; so lange, bis diese Turnschuhgeschichte erforderlich war. In einem stationären Eingriff ließ sie sich den schlimmeren Fuß richten und siehe da – alles ging gut und ihre Schmerzen waren vergessen!
Als ich hörte, dass man diese Fehlstellung operieren kann, wurde ich hellhörig. Meine Füßen sahen an den Ballen noch nicht sehr schlimm aus; zwar wurde es auffälliger, aber nicht dramatisch. Dafür wurden meine Zehen schrecklich zur Seite geschoben. Die Stelle zwischen Großzehe und nebenliegendem Zeh war ständig rot und kurz vor einer Entzündung, weil dort permanente Reibung herrschte und mein Grundgelenk tat zunehmend weh; rechts schlimmer als links, obwohl der linke Fuß optisch schlimmer war.

Ich ging also zum Orthopäden; man kann schließlich mal fragen, was der Fachmann dazu sagt. Nach einem Blick auf meine Füße, einem Röntgenbild und einer Beschreibung meiner Beschwerden verkündete der Arzt, früher oder später werde ich um eine Operation nicht herumkommen, es sei denn, ich möchte für immer Schmerzen haben und irgendwann nicht mehr richtig laufen können.
Für mich war klar, dass ich nicht so lange warten möchte; ich hatte bereits live erleben dürfen, wie schlimm es werden kann, und wollte lieber möglichst frühzeitig eingreifen – ist die Fehlstellung noch nicht zu weit fortgeschritten, kann man nämlich ambulant operieren und ist relativ schnell wieder auf den Beinen.

Letzteres war, was mich vor dem Orthopädentermin abgeschreckt hatte; meine Kollegen hatten mir Horrorgeschichten ohne Ende erzählt – alle im Stil von „Die Tante der Schwester von Herrn Meier aus dem Sonnenscheinweg, der immer im gleichen Supermarkt einkaufte wie die Mutter von Frau Müller, konnte nach ihrer Hallux valgus – OP nur noch mit einem Rollator laufen.“.
Wirklich sehr ermutigend.
Früher musste für eine derartige OP tatsächlich der Fuß gebrochen werden, was zu größeren Komplikationen führte als heutzutage.
Insbesondere, wenn man sich frühzeitig für eine Operation entscheidet, ist die Möglichkeit, anschließend am Rollator zu gehen zu müssen, mittlerweile eher nicht gegeben. Wenn man Pech hat, bildet sich eine sogenannte Pseudarthrose – eine Art Scheingelenk, das erneut operiert werden muss. Auch kann passieren, dass der Zeh versteift; shit happens, nicht wahr? Die Wahrscheinlichkeit, dass alles gut ging, überwog, also entschloss ich mich, zunächst den rechten Fuß operieren zu lassen.

Dieser Eingriff ist nun gut zwei Jahre her – mein Zeh steht gerade, die anderen Zehen haben sich wieder fast vollständig aufgerichtet, ich bin schmerzfrei. Plötzlich habe ich ein Fußgewölbe, statt weiterhin mit einem Plattfuß, der die Körperhaltung nicht gerade gesünder macht, rumzulaufen.
Die erste Zeit nach der OP war befremdlich; zunächst läuft man mit einem Vorfußentlastungsschuh (dem hübschen Teil vom Titelbild) durch die Gegend, damit der Fuß nicht belastet und der Zeh nicht abgerollt wird.
Ich wurde nach der Stoffella – Methode operiert, die eine schnelle Mobilisierung des Patienten gewährleistet; hierbei wird der Zeh schräg durchgesägt, neu aneinander gesetzt und mit einer Spange im Knochen versehen; diese Spange sorgt dafür, dass man schon wenige Tage nach der OP vorsichtig gehen kann – ohne den hübschen Humpelstilzchenschuh! In einigen Fällen, so auch bei mir, wird ausserdem eine Sehne durchtrennt, die den Zeh vorher in seine Fehlstellung gezogen hat; sie war zu kurz und sorgte so dafür, dass der Zeh sich nicht aufrichten konnte.
Nach ungefähr drei Monaten wird im Regelfall die Spange wieder entfernt, so dass man dann noch einmal kurz invalide wird.

Arbeitete ich nicht im Krankenhaus und müsste immer wieder sehr schnell sehr viel Kraft im Fuß aufbringen können, hätte ich nach ein bis zwei Wochen wieder arbeiten können; so blieb ich vier Wochen zuhause, bis ich wieder sicher und schneller gehen konnte; die Abrollbewegung ist anfangs dann doch noch etwas holperig.

Warum ich jetzt, zwei Jahre nach der Operation, diesen Beitrag schreibe?
Gestern kam der linke Fuß dran.

 

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Er wurde immer schlimmer; zuletzt konnte ich nicht mehr schnell gehen, ohne Schmerzen zu bekommen. Dieses Mal weiß ich sehr genau, was auf mich zukommt; ob das von Vorteil ist, darüber bin ich noch unschlüssig.
Ich war so klug, mir bereits vor der OP zu überlegen, wie ich mich mehrere Wochen zuhause beschäftigen kann; auch, wenn man früh wieder gehen darf, ist es manchmal doch sehr anstrengend, wenn man zuviel läuft, so dass man viel Zeit zuhause verbringt – ein Bürojob wäre da von Vorteil!
In meinen vier bis fünf Wochen zuhause werde ich Russisch lernen, weiter Gitarre üben, ein wenig Ökokram machen (über selbigen schreibe ich dann auch) und lesen. Vermutlich werde ich auch viel schlafen.

Wenn ihr unter Hallux valgus leidet und bislang nichts von den Behandlungsmöglichkeiten wusstet oder aber, wie ich, so entzückende Geschichten gehört habt, lasst euch gesagt sein, dass eine Behandlung ein tolles Ergebnis bringen kann!
Ich kenne nun vier andere Menschen, die sich operieren ließen, und alle sind so zufrieden wie ich. Ich freue mich schon auf die Zeit nach der Heilung – endlich wird mein Fuß nicht mehr weh tun (davon gehe ich einfach aus) und ich werde wieder an beiden Füßen die gleiche Schuhgröße haben; rechts habe ich nämlich seit der OP 39 statt 38!

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10 Gedanken zu “… „These boots are made for walking“?

  1. Hallo,
    ich habe gerade deinen Beitrag gefunden. Bei mir liegt leider Hallux Valgus auch in der Familie. Ich hoffe die zweite OP ist auch gut verlaufen. Bei meiner Schwester ist ein Fuß gut geworden, aber beim zweiten Fuß entstand ein Nervenschaden. Ich bin auch immer am hin und her überlegen. OP ja oder nein, wenn ja bei welchem Arzt. Echt schwierig.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo!
      Bislang heilt der Fuß gut. 🙂
      Nervenschäden können ja leider in seltenen Fällen auftreten, doof, dass es deine Schwester getroffen hat! :/
      Ich denke, wenn man Beschwerden hat, sollte man es trotz möglicher Komplikationen machen lassen; habe ja bei meiner Mutter und meiner Tante gesehen, wie es sich entwickelt, das ist echt nicht schön. Mit einem Nervenschadenfall in der Familie wäre mir die Entscheidung aber vermutlich auch schwerer gefallen.
      Liebe Grüße
      Silja

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