… waagenlos durch den (All)tag – reloaded?

Leser der ersten Stunde denken nun womöglich „Hä? Den Beitrag gab es doch schon?“. In der Tat, den gab es schon, leider sind jedoch einige meiner älteren Beiträge auf mysteriöse Art und Weise verschwunden; ich schreibe sie daher neu.

Als Kind war mein Gewicht eigentlich nie aufsehenerregend; nachdem mein Babyspeck sich weitestgehend verwachsen hatte (einem Kollegen zufolge habe ich an den Unterarmen immer noch Babyspeck), war ich ein normalgewichtiges Kind.
Solange, bis ich Chemo bekam.
Während meiner Leukämiebehandlung kam ich nicht umhin, Cortison zu nehmen; das macht in ausreichender Dosierung nicht nur ein enormes Mondgesicht (offiziell bekannt unter Cushing – Syndrom), sondern oftmals auch unglaublichen Appetit. Nicht selten wünschte ich mir bereits zum Frühstück Wirsingauflauf.

 

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Bist du ein achtjähriges, glatzköpfiges Kind, dem man sein Übergewicht ansieht, wirst du sehr, sehr oft angestarrt; besonders, wenn du es wagst, zu essen. Womöglich ein Eis, obwohl du doch schon aussiehst, wie du aussiehst!
Hatte ich vor meiner Erkrankung keine Probleme mit dem Essen, so sah das hinterher anders aus. Ich verriet es niemandem, doch ich hasste es künftig, vor Anderen, insbesondere Fremden, zu essen. Ich wollte nicht mehr diese Blicke spüren müssen, die sagten „Bist du fett, hör auf zu essen.“. In meinem Kopf sah man mich auch noch so an, als ich längst wieder mein Normalgewicht hatte.

Obwohl ich derartige Gedanken hatte, nahm ich in meiner Pubertät so zu, dass ich moppelig wurde; als ich eines Tages ein Bikinifoto von mir sah, wurde mir bewusst, dass ich zuviel auf den Rippen hatte – ich beschloss also, abzunehmen.
Wenn ich will, kann ich sehr konsequent sein; ich aß nur noch einen Bruchteil der Süßigkeiten, die ich bis dahin in mich reingestopft hatte und wog mich regelmäßig. Weil ich wusste, dass es krankhaft ist, wenn man sich nur noch mit seinem Essen sowie seinem Gewicht beschäftigt, untersagte ich mir, mich täglich zu wiegen. Ich verriet jedoch auch niemandem, wenn ich vor hatte, mich zu wiegen, damit ich nicht erzählen musste, wenn ich nicht abgenommen hatte.
So weit, so gut – mein Gewicht normalisierte sich, ich fühlte mich wohler, kontrollierte jedoch stetig, ob ich nicht wieder zunahm.

Irgendwann nahen jedem von uns neue Dinge; so auch mir. Die Uniklinik Münster, in der ich meine Behandlung bekommen hatte, bot einmal im Jahr eine Freizeit in der Toskana an. Eine Nachsorgeveranstaltung, in der lauter Krebskinder zusammen verreisen.
Meine Eltern waren begeistert von diesem Angebot; klar, sie wussten auch nicht, was mir sofort in den Kopf kam: Ich würde dort vor fremden Menschen essen müssen.
Weil ich nicht fertig brachte, meinen Eltern zu sagen, welche Probleme ich mit dem Essen hatte, stimmte ich der Reise zu; nicht, ohne mir bereits Wochen vorher den Kopf zu zerbrechen, was ich essen würde und was nicht.
Nun, manchmal überrascht uns das Leben – in der Toskana lernte ich, dass ich nicht alleine war mit meinem Problem. Fast alle hatten Cortison bekommen und waren dick geworden, einige hatten sogar Körperteile amputiert bekommen, alle hatten wir eine Glatzkopfphase hinter uns. Ich musste keine Sorgen haben, dass mich jemand anstarren würde.

Als ich wieder zuhause war, bestanden meine Probleme weiterhin; ich aß nicht gern im Beisein anderer Menschen, ich wog mich, damit ich bloß nicht zu schwer wurde – um`s Wohlfühlen ging es bei meinem Gewicht nicht. Was zählte, war einfach nur die Zahl. Schön war das übrigens, retrospektiv betrachtet, nicht mehr.
Irgendwann kam der Tag, an dem ich von zuhause auszog, um meine Ausbildung zu beginnen; vor meinen Mitschülern konnte ich erstaunlich gut essen. Meistens geschah das nebenher im Unterricht, so dass ich nicht das Gefühl hatte, die Aufmerksamkeit läge auf mir.
Mit dem Eintritt ins Berufsleben jedoch wurden meine Probleme wieder größer; in unserer Abteilung wird gemeinsam im Pausenraum gegessen. Man sitzt sich gegenüber, es wird sich unterhalten, geguckt, was wer ist. Eigentlich wird nicht einfach nur geguckt, nein, ich habe Kollegen, die gerne analysieren, was das Gegenüber auf dem Teller hat und wie die Person ihr Essen schneidet. Einmal war ich soweit, dass ich mit meiner Kohlrabi in ein nebenliegendes Büro gegangen bin, um sie zu schneiden, weil ich die Kommentare nicht mehr ertragen habe.
Nun ist es leider so, dass du bei der Arbeit essen musst, wenn du nicht nonstop Hunger haben willst; ich aß also zwangsläufig vor meinen Kollegen, wog mich aber wieder öfter. Ich bemerkte, wie ich unzufriedener wurde, wenn mein Gewicht nicht meiner Vorstellung entsprach – da konnte ich mich noch so wohlfühlen, nach dem Wiegen fand ich mich zu dick.

Weil ich nicht wollte, dass mein Seelenleben weiterhin von meinem Gewicht abhängt, beschloss ich kurzerhand, mich nicht mehr zu wiegen. Die Waage wanderte unter meinen Schrank und staubte vor sich hin.

 

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Eines der wenigen Fotos, die mich beim Essen zeigen.

Vor einigen Jahren, als ich mich das erste Mal einer Fuß – OP unterzog, erfuhr ich mein Gewicht zwangsweise; für die Narkose wurde ich gewogen und die MFA verstand offenbar nicht, dass ich mein Gewicht wirklich nicht wissen will – sie sagte es mir und ich guckte sie entgeistert an, weil ich vorher extra gesagt hatte, sie möge es mir bitte nicht sagen. Irgendwie schaffte ich es, mich trotzdem nicht wieder alten Mustern hinzugeben. Ich fand die Zahl nicht optimal, doch ich fühlte mich wohl und ließ meine Waage weiterhin stehen.
Erst, als ich letztes Jahr die Pille absetzte, wog ich mich wieder, um festzustellen, ob ich Wasser eingelagert habe; seitdem habe ich die Waage jedoch nicht mehr angerührt.

Aus meiner langen, nicht gerade gesunden Erfahrung mit Essen und Gewicht habe ich eines gelernt – wir machen uns zu sehr von Zahlen abhängig.
Wohlfühlen sollte nichts damit zu tun haben, welche Zahl uns eine Waage anzeigt; es geht darum, sich zu mögen, wie man aussieht. Wie man sich fühlt und anfühlt. Ich habe nichts davon, wenn die Waage eine Zahl zeigt, die mir gefällt, ich aber in den Spiegel schaue und trotzdem nicht zufrieden bin.
Ich esse nach wie vor nicht gerne im Beisein mir fremder Menschen; ich weiß aber, dass dieses Anstarren nur in meinem Kopf geschieht. Ich weiß ausserdem, dass egal ist, ob mich jemand verurteilt, weil ich etwas esse. Ich muss mich mögen und niemand sonst.

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9 Gedanken zu “… waagenlos durch den (All)tag – reloaded?

  1. Wow, ein richtig toller Beitrag! Ich kann es so gut nachvollziehen! Mir ging es mal so ähnlich und irgendwann hab ich dann auch beschlossen, dass ich so nicht mehr weitermachen will und hab meine Waage weggeworfen. Es lebt sich ohne so viel besser!

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