… psychische Krankheiten ernst nehmen?

Die meisten sind doch eh nur ausgedacht!

Ja? Ich denke, nicht. Bestimmt gibt es Menschen, die vorgeben, psychisch krank zu sein – in dem Moment, in dem sie eine ernsthafte Krankheit vortäuschen, sind sie es jedoch auch, oder?

Psychische Erkrankungen kommen in vielen Formen daher; Schlafstörungen, Abhängigkeiten, Eßstörungen, Angststörungen, Stresserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Zwangsstörungen – sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: die betroffenen Menschen stehen oft unter einem enormen Leidensdruck, während Teile ihrer Umgebung ihnen die Erkankung absprechen.

Studien zufolge erkrankt etwa jeder dritte Deutsche in seinem Leben einmal psychisch; zunehmend werden diese Erkrankungen diagnostiziert, da sich mehr Menschen trauen, zum Arzt zu gehen.
Obwohl dies nahelegt, dass die Stigmatisierung, die durch eine psychische Krankheit erfolgt, geringer geworden ist, erlebe ich oft, dass Betroffenen ihre Krankheit abgesprochen wird – etwas, was wir dringend ändern müssen!

Vor Kurzem schrieb ich eine Neuauflage meines Beitrags zum Thema Wiegen – es ist nicht schwer, darin zu erkennen, dass ich ein gestörtes Essverhalten habe. Vielleicht gibt es für diese Störung sogar einen Namen; wenn ja, ist er mir nicht bekannt.
Ich habe mich lange dafür geschämt, nicht „normal“ essen zu können und daher immer versucht, meine Probleme zu verbergen; seit einigen Jahren jedoch versuche ich, dazu zu stehen, dass ich einfach nicht vor Fremden essen möchte – manchmal nicht vor ihnen essen kann – und mich extrem unwohl dabei fühle; das ist nicht immer leicht.

Die dahingehend wohl unangenehmste Situation ergab sich einmal bei einer Weihnachtsfeier unserer Abteilung. Einer meiner Kollegen erwähnte in neckender Absicht die Menge, die ich aß; für einen Menschen, der keinerlei Probleme mit dem Essen hat, eine vollkommen harmlose Begebeneheit, so auch für besagten Kollegen. Für mich war es entseztlich unangenehm; bis zu diesem Moment hatte ich relativ unbesorgt gegessen, da alle um mich herum ebenfalls aßen und ich mich unbeobachtet fühlte; noch dazu kannte ich den Großteil der Menschen und hatte schon oft in ihrer Gegenwart gegessen. Sobald jedoch angesprochen worden war, dass ich nun zum so und so vielten Mal etwas vom Buffet aß, konnte ich nicht mehr normal weiter essen. Ich bat darum, nicht mehr weiter darauf einzugehen und zwang mich, mich möglichst unauffällig zu gebaren, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen; da mein Kollege jedoch mein Problem nicht verstand, versuchte er, sich zu erklären – aus seiner Sicht vollkommen verständlich, aus meiner schrecklich. Erst, als eine Kollegin, die schon lang weiß, wie schwer ich mich mit dem Essen tue, ihn zur Räson rief, hörte er auf.

Vor nicht allzu langer Zeit nun kam dieser Kollege auf mich zu und sagte mir, dass er jetzt richtig verstanden habe, wie es mir ging; ich glaube, es war, nachdem er besagten Beitrag zum Thema Wiegen gelesen hatte. Mich beschäftigt dieser Vorfall nun schon mehrere Jahre; ich weiß, dass das nicht gesund ist, kann es aber nicht lassen – ich lernte jedoch daraus, dass ich wirklich klar dazu stehen muss, dass ich ein Problem habe, wenn ich solch unangenehme Situationen vermeiden möchte.

Auch Zwangsstörungen sind mir nicht fremd; offenbar hat meine Leukämieerkrankung mehr Schaden hinterlassen, als ich dachte. Zwar geht es mir körperlich gut, doch meine Seele ist ein wenig lädiert (Ein wenig ist gut… das mit dem Essen kommt ja auch durch die Behandlung!); der absolute Kontrollverlust in früher Kindheit ging nicht spurlos an mir vorbei.
Schon bevor ich meine Ausbildung machte, war mir klar, dass ich ein anderes Kontrollverhalten habe als andere Menschen. Ich kann nicht einfach die Wohnungstür hinter mir schließen und weggehen; nein, ich zerbreche mir sofort den Kopf, ob ich wirklich alles aus und zu habe, ob alles in Ordnung ist, gehe oft nochmal rein und kontrolliere alles.

Du denkst „Naja, komm, das ist doch normal und macht jeder!“?

Nein, es ist nicht normal. Zwangshandlungen beginnen, das lernte ich schließlich in meiner Ausbildung, wenn man etwas mehr als drei oder vier Mal kontrolliert.
Bei mir ist es beispielsweise so, dass ich vor einem Fenster stehe, das ich gerade geschlossen habe, und die visuelle Kontrolle nicht ausreicht – ich muss die Fenstergriffe berühren und prüfen, ob sie wirklich bis in ihre Endposition geschoben sind; mehrfach. Ich muss auch die Knöpfe meines Herdes mehrfach berühren, um mich zu vergewissern, dass er aus ist; ich darf sie jedoch auf keinen Fall dabei drehen, denn dann muss ich von vorne kontrollieren. Bevor ich die Wohnnung verlasse, vergewissere ich mich, dass beide Katzen da sind – kaum ist die Tür zu, frage ich mich, ob sie da sind und gehe oft noch einmal nachsehen. Befinde ich mich in der Wohnung, kontrolliere ich im Vorbeigehen immer wieder, ob die Tür verschlossen ist – obwohl ich seit Stunden nicht den Schlüssel in der Hand hatte.

Dass das nicht gesund ist, ist mir klar; in meinem Kopf steht schon lange fest, dass ich eine Therapie mache, wenn meine Kontrollzwänge mein Leben zu stark beeinträchtigen.
Weil ich weiß, dass meine Gedanken, die Wohnung könnte abbrennen, weil ich den Herd kein weiteres Mal kontrolliere oder es könnte etwas passieren, weil ich nicht noch einmal kontrolliert habe, ob die Fenster geschlossen sind (ein sechstes, siebtes, achtes Mal), vollkommen irrational sind, zwinge ich mich, sie auszuhalten. Ausserdem unterdrücke ich weitestgehend jedweden Zwang, wenn ich in Gesellschaft bin. Solange diese Dinge gehen, brauche ich keine Therapie, da man dort genau das lernt.

Besonders schlimm sind meine Zwänge, wenn es mir seelisch nicht gut geht; habe ich in irgendeiner Art und Weise Kummer, fange ich an, zur Beruhigung Dinge zu zählen.
Dreiergruppen sind besonders beruhigend. Vierergruppen sind auch in Ordnung, Zweiergruppen machen mich unruhig. Je schlechter es mir geht, desto fixierter bin ich auch darauf, dass Dinge, die einen festen Platz in meiner Wohnung haben, genau richtig stehen – stimmt der Winkel eines Deko – Elements nicht, muss ich so lange daran rumschieben, bis es wieder richtig steht.
Ein wunderbares Beispiel dafür ist eines meiner Bücherregale; die Bücher auf dem oberen Brett sehen zwar unordentlich aus, sind aber genau platziert; alle anderen Dinge in diesem Regal müssen ebenfalls immer richtig stehen – wohlgemerkt nur in meinen Augen.

 

Regal

 

Aufgrund dieses Verhaltens verstanden meine Freunde während der Ausbildung, dass ich keine Witze mache, wenn ich sage, dass ich Zwänge habe; im Psychologieunterricht schauten wir einen Film über Zwangsstörungen an – plötzlich guckten meine Freunde mich entgeistert an, weil ein Zwangsdoppelgänger von mir als Beispiel gezeigt wurde. Bei seiner Erklärung zum Thema Wecker stellen war ich besonders fasziniert, da ich bis dahin gedacht hatte, ich hätte als einzige ein Problem damit; wenn man den Wecker nämlich stellt und dann kontrolliert, ob man ihn gestellt hat, könnte man bei der Kontrolle versehentlich den Wecker ausmachen – man muss dann also kontrollieren, ob er noch an ist, könnte ihn dabei jedoch aus Versehen ausmachen; verbietet man sich das nicht, kann man so die ganze Nacht kontrollieren, ob der Wecker gestellt ist.

Warum ich euch das in epischer Breite erzähle?

Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen lachen, wenn du ihnen von deiner kranken Psyche erzählst. Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man dich nicht ernst nimmt, du aber leidest.
Es ist nicht lustig, in der Wohnung eines Menschen mit Kontrollzwängen Dinge anders hinzustellen. Das ist eine unglaubliche Qual. Alleine der Gedanke daran macht mich nervös.
Wie muss es sich also anfühlen, wenn du depressiv bist und dir niemand zuhört? Wenn du dich allein gelassen fühlst und denkst, niemand nimmt dich wahr? Niemand glaubt dir, jeder redet deine Probleme klein. Das ist schrecklich. Das macht noch kränker. Wir machen einander kränker, wenn wir nicht wahrnehmen, dass unsere Mitmenschen Verständnis und unter Umständen Hilfe brauchen statt Ablehnung.

Niemand sucht sich eine psychische Störung aus; dennoch behandeln wir Menschen, die dazu stehen, als wollten sie uns etwas Böses. Wenn sich jemand krankschreiben lässt, um seine Psyche wieder in den Griff zu kriegen, sehen wir nicht, wie schlecht es demjenigen geht, sondern sehen nur, welchen Nachteil wir dadurch haben; dass dieser Schritt für den Menschen, der ihn geht, um einiges weitreichender ist als für uns, ist uns gar nicht bewusst.
Statt Betroffenen zu helfen, machen wir ihnen Vorwürfe, weil sie nicht gesellschaftskonform funktionieren; wir drangsalieren Freunde mit Panikattacken, dass sie doch etwas mit uns unternehmen sollen, nötigen essgestörte Freunde zum Essen, sagen depressiven Menschen, dass sie doch mal lachen sollen – denkt man darüber einmal nach, wird einem hoffentlich bewusst, wie schrecklich dieses Verhalten ist.
Wer den Punkt erreicht hat, dass er zu weinen beginnt, wenn er seinen Arbeitsplatz betritt, steht vor der schwierigen Wahl, zuzugeben, dass er überlastet ist, oder sich weiter kaputtzumachen, um den Schein einer gesunden Psyche zu wahren – auch das habe ich hinter mir und bin froh, dass ich mich getraut habe, um Hilfe zu bitten.

Ich wünsche mir, dass wir einander klar machen, dass psychische Erkrankungen uns nicht weniger liebenswert machen; wir bleiben trotzdem Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen und Träumen.
Wir können selbst entscheiden, ob wir jemanden, der sowieso schon große Probleme mit sich selbst hat und womöglich sauer und traurig ist ob seiner Andersartigkeit, mit der gleichen Wertschätzung wie jeden Anderen behandeln oder ob wir uns lieber als etwas Besseres sehen wollen – solange, bis wir einer von drei Menschen sind, die psychisch krank werden.

Wenn du dich angesprochen fühlst, verzweifelt bist, nicht weiter weißt, aber dich niemandem in deiner Umgebung anvertrauen kannst, findest du auf der Nummer gegen Kummer – Facebookseite kostenlose Telefonnummern, unter denen du mit ausgebildeten, ehrenamtlichen Beratern sprechen kannst; jede Altersgruppe wird separat behandelt.

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14 Gedanken zu “… psychische Krankheiten ernst nehmen?

  1. Hallo Silja 🙂

    Ich leide seit 4 Jahren an Depressionen und Angststörung mit starken Panikattacken und kenne es nur zu gut, wieviel schlechter es einem geht, wenn das Umfeld einem mit Unverständnis begegnet. Klassiker waren: „Du musst einfach nur Sport machen, dann geht es dir besser“, „Deine Ärzte und Therapeuten haben doch keine Ahnung, dafür gehts dir schon zu lange schlecht, geh einfach wieder arbeiten“, „in den letzten Jahren, als es dir so schlecht ging, hatte ich die Connection zu dir verloren, aber jetzt, wo du wieder mehr lächelst, ist sie wieder da“… und nicht zu vergessen, zahlreiche Vorträge meiner Eltern, unter Druck gesetzt werden, etwas mit den Freunden zu unternehmen, inklusive sauer seins, wenn ich sage, ich kann nicht mit shoppen oder spazieren. Alles in allem, glaube ich, wäre ich schon viel weiter in meinem Prozess, wenn es die Menschen um einen rum nicht noch schwerer machen würden und man sich nicht so alleingelassen und unverstanden fühlen würde. Auf jeden Fall finde ich deinen Artikel toll beschrieben. Ich kann mich dadurch gut in deine Zwänge einfühlen, also wie es dir dabei ergeht und stelle es mir grauenhaft vor, unter diesem Gefühl zu leiden und dagegen ankämpfen zu müssen, tagein, tagaus. Und ich finde es super, dass du so detailliert darauf eingehst. Ich denke, das ist ein guter Beitrag, Menschen einen Einblick zu gewähren, die sonst mit Unverständnis reagieren. Denn oft meinen sie es ja nicht mal böse. Sie verstehen es nicht, können es nicht nachempfinden. Auch wenn der Weg, das zu Äußern natürlich Mist ist! Ich hoffe, ich fasse den Mut, eines Tages auch genau über meine Erkrankung zu schreiben, denn ich glaube, dass ist der einzige Weg, nach und nach gesunde Menschen einzubeziehen und sie ein kleines Stückchen mitzunehmen in unseren Erfahrungen. Danke auf jeden Fall für diese Offenheit.

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    1. Hallo Stine!

      Danke schön für deinen tollen Kommentar! 🙂 Wenn ich das so lese, habe ich den Eindruck, du bist schon auf einem guten Weg dahin, offen über deine Erkrankung zu schreiben; der Schritt fiel mir aber auch schwer, weil man einfach viel zu oft auf Unverständnis stößt.

      Liebe Grüße
      Silja

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  2. Sehr gut geschrieben. Ich hoffe, dass ihn viele Menschen lesen werden um so endlich zu verstehen, dass ein psychisches Problem nicht weniger schlimm ist wie ein körperliches, nur weil man es nicht sieht.

    Psychische Probleme werden immer noch viel zu sehr belacht und oftmals auch ins Lächerliche gezogen. Z.B. kann ich es absolut nicht ab, wenn man in meinen Vorräten rumgrabbelt, seinen Zinken in meine Gewürze steckt – und womöglich alles noch mit ungewaschenen Händen. Da werde ich zur Furie! Darum räume ich auch immer alles weg, was offen an Gewürzen und Tee rumsteht, wenn ich Besuch bekomme (bei gewissen Menschen). Die einfach nicht begreifen, dass ich die Sachen dann nicht mehr konsumieren kann und wegwerfen muss. Was Verschwendung und eine enorme Geldbelastung ist. Teilweise sogar in den Kleiderschrank da mein Küchenbereich nun einmal sehr eingeschränkt ist.

    Ich werde mir mal die Freiheit heraus nehmen und den Beitrag auf meiner kleinen Seite auf FB teilen.

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    1. Dankeschön! 🙂

      Ich verstehe auch gar nicht, was man an anderer Leute Schränken zu suchen hat; bei Büchern kann ich es nachvollziehen, aber bei Lebensmitteln und Kleidern so gar nicht!

      Danke für’s Teilen, das freut mich! 🙂

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  3. Hey Silja, toller Beitrag! Ich selber habe auch eine psychische Erkrankung seit drei Jahren. In meinem Umfeld stöße ich aber auf Verständnis – zum Glück. Paradoxerweise und traurigerweise bin ich eher auf Unverständnis in der Psychiatrie bei bestimmten Krankenschwestern gestoßen, die dann so Kommentare abgaben wie ich solle mich einfach mal beruhigen oder ruhig atmen. Eines meiner Symptome sind unkontrollierbare, laute Schreie. Richtig verletzt hat es mich, als eine Schwester zu einer anderen in hörbarer Lautstärke meinte, ich höre mich an wie ein Kind, das schreit. Die Nummer gegen Kummer hat mir in einem sehr schweren Moment nicht weiterhelfen können. Ich hab es damals mehrmals innerhalb von zwei Stunden versucht, dort anzurufen, aber es war immer besetzt. Wochen später, als ich es nochmals versuchte, war dann jemand zu erreichen.

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    1. Danke dir, Simon!
      Ich arbeite ja auch im Krankenhaus und erlebe da leider öfter, dass gerade die Mitarbeiter, die ja Verständnis für die Patienten haben sollten, unmöglich reagieren – warum man dann einen solchen Bezug ergreift, verstehe ich nicht.
      Ich fürchte, die Nummer gegen Kummer ist heutzutage auch oft überlaufen; psychische Erkrankungen werden so gerne noch verschwiegen, dass gerade solche Hilfsangebote gut genutzt werden.

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  4. Ein super Artikel zu einem großen Thema!! Wichtig ist ja wirklich für Betroffene, dass sie zumindest innerhalb der Familie Halt finden und auf Verständnis stoßen. Aber auch die Angehörigen sind mit involviert. Sie brauchen ebenfalls Unterstützung. Auch für sie ist es nicht immer leicht vor allen mit depressiven Menschen umzugehen.

    lg Nadine von Nannis Welt

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