… Triggerwarnungen?

Mhm, was?
Das dachte ich früher oft, wenn ich im Internet unterwegs war und ein Text mit „CW: Thema xy“ oder „Triggerwarnung: Thema xy“ angekündigt wurde; wie bei so vielen Dingen fragte ich mich, was der Schwachsinn soll, erkundigte mich aber nicht – zum Glück ändert man sich im Laufe der Zeit und lernt dazu; nicht zuletzt dank meiner Freunde.

„CW“ ist eine Abkürzung für den Begriff „Content Warning“; eine Warnung vor dem Inhalt also; „Triggerwarnung“ sagt meiner Meinung nach noch etwas genauer aus, wozu diese Warnhinweise dienen.
Man setzt sie vor Texte mit Inhalten, die Menschen potenziell an traumatische Erlebnisse, wie beispielsweise sexuellen Missbrauch, erinnern und so Angst – bis Panikattacken oder andere Stressreaktionen auslösen können (kurz gesagt: der Inhalt könnte triggern).

Bevor ich mich damit auseinander setzte, fand ich, wie eingangs bereits anklang, diese Warnungen übertrieben.
Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, dass etwas, was man liest, derartige Gefühle in einem auslöst; besser gesagt, ich konnte es nachvollziehen, da mir das sehr häufig passiert, wenn es um Krebserkrankungen geht, störe mich jedoch selber nicht daran, dass ich dahingehend getriggert werde.
Ich werde getriggert, bin dann unter Umständen traurig und, je nach allgemeiner Gemütslage, weine ich auch. Bei näherer Betrachtung, die ich hauptsächlich deshalb vornahm, weil ich Menschen kennenlernte, bei denen Trigger deutlich Schlimmeres bewirken als bei mir (es gibt zum Beispiel auch Menschen, die darauf mit selbstverletzendem Verhalten reagieren), stellte ich jedoch fest, dass ich nicht von jedem Menschen erwarten kann, dass er so damit umgeht wie ich.
Ich überdachte also meine Einstellung zu Content Warnings.

In dem Moment, in dem man anfängt, sich Gedanken zu dem Thema zu machen, muss man sich auch fragen, ob man selber nicht manchmal Warnungen setzen sollte; vielleicht empfiehlt es sich auch, das ein oder andere Video von Tieren im Schlachthaus nicht zu teilen (Schade, wo sie doch so schön schockieren!) – während nämlich einige Menschen in der eigenen Freundesliste dadurch dazu angeregt werden, ihre Ernährungsweise zu überdenken, reagieren andere womöglich mit einer Panikattacke, weil sie den Anblick gequälter Tiere nicht ertragen.

Früher hätte ich gesagt, das sei eine übertriebene Reaktion; heute denke ich, dass niemand etwas dafür kann, wie er etwas empfindet; kein Mensch, der unter Panikattacken leidet, sucht sich aus, dass er so auf ein derartiges Video reagiert.
Ebenso sucht sich niemand, der unter einer Essstörung leidet, aus, dass durch das Lesen eines Erfahrungsberichts zu Essstörungen seine eigene verstärkt wird. Diese Dinge geschehen ganz von allein in unserer Psyche; einige Menschen lernen, damit umzugehen, anderen ist dies nicht möglich – Triggerwarnungen helfen ihnen dabei. Sie schützen. Wir können einander schützen, indem wir überlegen, ob eine voran gestellte Warnung hilfreich sein könnte. Es ist kein Akt, kurz „CW: Thema xy“ zu schreiben und noch einige Leerzeilen einzufügen, damit der angekündigte Inhalt nicht sofort darunter erscheint.
Wenn ihr euch nicht vorstellen könnt, wie ein Trigger funktioniert, denkt einfach mal daran, wie es ist, ein Lied zu hören, dass euch binnen Sekunden in eine bestimmte Situation zurück versetzt – im Grunde hat euch dieses Lied dann getriggert.

Wie bei allem, das man neu lernt, gestaltet sich der Anfang schwer; manchmal teile ich Dinge und denke dann später, wenn ich unterwegs bin und nicht darauf zugreifen könnte, dass ein CW womöglich sinnvoll gewesen wäre; manchmal beschließe ich, etwas nicht zu posten, was ich eigentlich gerade posten wollte, weil ich denke, dass es jemandem schaden könnte, statt etwas Positives zu bewirken.
Mit einem meiner Blogbeiträge triggerte ich aus Versehen eine Freundin – im Beitrag zum Thema Bambuszahnbürsten schrieb ich darüber, dass (und wie) man mit Bambus töten kann; meine Freundin hörte an der Stelle auf, den Beitrag zu lesen, weil es für sie zu schlimm war. Klickt den Link also bitte nur an, wenn ihr damit kein Problem habt.
Das Beispiel meiner Freundin zeigt etwas, was ich als problematisch an Triggerwarnungen empfinde – man kann nie wissen, wen was triggert.
Es gibt Dinge, die für mich vollkommen harmlos sind, für jemand anderen aber schlimm. Es gibt Menschen, die Angst haben vor der Zahl vier (kein Witz, das heißt Tetraphobie); rein theoretisch müsste man demnach auch Texte mit dieser Zahl mit Warnungen versehen.

Da man das Prinzip ad absurdum führt, wenn man jeden Text mit einer Triggerwarnung versieht, denke ich, dass Menschen, die wissen, dass spezielle Dinge sie triggern, auch ein gewisses Maß an Eigenverantwortung übernehmen müssen; wenn ich weiß, dass ich nicht ertragen kann, etwas über ein krebskrankes Kind zu lesen, dann scrolle ich ganz schnell weiter; sehe ich gequälte Tiere, mache ich das mittlerweile auch sehr, sehr häufig, da sich meine Toleranzgrenze in dem Bereich verschoben hat.
Nichtsdestotrotz sollte es nicht in der alleinigen Verantwortung der betroffenen Personen liegen, dafür zu sorgen, dass sie keine triggernden Inhalte sehen; wir alle sind dafür verantwortlich, was wir posten, und wir alle können und müssen uns die Zeit nehmen, kurz zu überlegen, ob wir etwas einfach so weitergeben.
Es gibt Themen, bei denen wirklich offensichtlich ist, dass sie triggern können – die bereits genannten sind nur einige davon – und die wir selber mit etwas Nachdenken erkennen können.

Entdeckt ihr auf meinem Blog Beiträge, bei denen ihr ein CW als sinnvoll erachtet, teilt es mir gerne mit – direkt hier in den Kommentaren oder auf meiner Facebookseite, über die ihr mir auch private Nachrichten schicken könnt.

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5 Gedanken zu “… Triggerwarnungen?

  1. Naja, ich finde, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Bei Themen allerdings, die häufig triggern, sollte man meiner Meinung nach aber schon kurz etwas voran schreiben. Ich denke da an Themen wie Selbstverletzung oder Vergewaltigung. Wenn es mir entsprechend schlecht geht, dann könnte mich sogar dein Beitrag zu den Anmachen der Männer triggern. Also von daher…

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    1. Wie du ja schreibst, kann es ganz viele unterschiedliche Trigger geben. Somit könnte so ziemlich jedes Thema triggern. Ich meine, damit, dass man das nicht zu sehr übertreiben sollte und es meiner Meinung nach eben reicht, wenn man bei häufigen Triggern vorwarnt. Dein andrer Artikel löst bei mir den Gedanken aus „Sie beschwert sich drüber, dass sie so oft angemacht wird. Bei mir ist das Gegenteil der Fall.“ Der Gedanke kann bei ner gewissen Grundanspannung bei mir nen Anfall auslösen. Jedoch merke ich ja bereits bei der Überschrift, um welches Thema es geht und wenn ich weiß, dass ich gerade zu angespannt bin, dann lese ich den Beitrag einfach zu nem andern Zeitpunkt. Somit sind Triggerwarnungen auch manchmal überflüssig, wenn der Inhalt durch die Überschrift schon klar geworden ist.

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    2. Das schrieb ich doch auch in dem Beitrag. 😄
      Triggern ist aber nicht, dass du daran denkst, dass du nicht angemacht wirst, sondern, dass man an ein traumatisches Erlebnis erinnert wird.
      Zudem beschwere ich mich nicht, dass ich zu oft angemacht werde – ich bemängele die Art und Weise.

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    3. Na du schreibst doch auch, dass es dich nervt, dass du nicht mal drei Minuten rumstehen kannst, ohne angegraben zu werden. Klar, die anderen Anmachen sind schon echt grenzwertig und darum beneide ich dich sicherlich nicht. Meine Therapeuten haben bestimmte Reize schon oft als Trigger bezeichnet. Wenn ich im Internet nachlese, so gibt es die enge Definition, die Trigger nur als Auslöser bei Traumata beschreibt und die weitere Definition, die zb so klingt: “ In jedem Fall gilt, dass in der Psychologie eigentlich alles in gewisser Weise ein Reiz und damit auch ein Trigger sein kann, wenn darauf eine bestimmte Reaktion folgt.“

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