… „Liebe Gesellschaft, wir müssen reden!“?

Der letzte Beitrag, den ich aus Entgeisterung entstehend schrieb, trug den Titel „Liebe Männer, wir müssen reden!“; es ging darin darum, wie manche Männer meinen, Frauen anflirten zu können.

Vergangenes Wochenende ging ich wieder raus – aus Versehen – und erlebte eine so vielschichtige Diskriminierung, dass Rassismus es nicht ausreichend beschreibt.

In meinen Augen ist meine Wahlheimat, Münster, eine sehr offene, recht links aufgestellte Stadt; das mag daran liegen, dass ich in einem entsprechenden Freundeskreis verkehre und daher wenig Berührungspunkte mit Menschen habe, die anders denken als ich – ich weiß auf jeden Fall, dass der Ein oder Andere findet, Münster sei spießig, konservativ und nicht so links. Vielleicht empfinde ich das anders, weil ich aus dem Sauerland komme; liefe ich da so rum, wie ich es hier manchmal tue, wäre ich das Tageshighlight vieler Menschen.

Da ich Münster als so wunderbar offen und bunt empfinde, entgeisterte mich der Vorfall am Samstag enorm.
Wie es manchmal so ist, beschlossen ein Freund, sein Mitbewohner und ich (im Folgenden bin ich so frei, sie als Freunde zusammenzufassen), das gemütliche Beisammensein in einer Kneipe spontan zu verlängern und uns in Gefilde Münsters zu begeben, die wir sonst nicht aufsuchen – die Altstadt.
Spricht man im Rahmen abendlicher Unternehmungen von der Altstadt, ist ein Straßenzug gemeint, in dem die Kneipen Tür an Tür sind und der Großteil der Münsteraner schon mal einen Absturz hatte; selber verbrachte ich in meiner Ausbildung vermutlich mehr Zeit dort als in der Schule.

Auf unserer Reise in die Partyvergangenheit verschlug es uns in einen Laden, der für uns sehr befremdlich war – die Musik erinnerte an den Ballermann, die Menschen waren alle gleich gekleidet, jeder flirtete jeden an. Nun, wir hatten zusammen Spaß und alles war gut.
In einer unserer Zigarettenpause (ja, ich bin Partyraucherin) sprachen wir über Tattoos; weil ich ich bin, kam ich der Aufforderung nach, meinen Wassermann auf dem Oberschenkel zu zeigen – ich zog meine Hose bis zu den Knien runter, mein Hintern war bedeckt von meinem langen Shirt und ich trug Unterwäsche, die wenig reizvoll war. Während mir egal war, wer da nun Körperteile sah, die man auch beim Schwimmen gehen sieht, waren einige der umstehenden Menschen so befremdet wie wir es waren, als wir die Kneipe betreten hatten.
Nachdem das Tattoo begutachtet worden war, gingen wir wieder rein; die Sperrstunde nahte und es dauerte nicht lange, bis wir vom Türsteher angesprochen wurden, dass wir bitte gleich den Laden verlassen müssten – was er danach sagte, ließ mir jedoch die Gesichtszüge entgleisen.

An mich gewandt sagte er, er wisse nicht, ob „er“ – Fingerzeig auf einen meiner Begleiter – mein Freund sei, aber wenn ich so etwas mache wie vorhin draussen (er stand daneben, als ich die Hose runterzog), könne „er“ mich sicherlich nicht verteidigen. Verwirrt von dieser Aussage fragte ich, wovor „er“ mich denn verteidigen sollte – vor „den Flüchtlingen“.
Wie der Türsteher zu berichten wusste, vergewaltigen „die Flüchtlinge“ nämlich Frauen wie mich. Wusste ich gar nicht, gut, dass er mich warnt!

Da wir uns alle drei gleichermaßen echauffierten über diese Verbreitung niederster Stammtischparolen, sprachen wir den Türsteher draussen darauf an; er war erstaunlich gefestigt in seiner Meinung und erzählte uns noch, er habe „das schon oft genug erlebt“. Wirklich interessant, wo doch eine Flüchtlingsunterkunft in Sichtweite der Kneipe ist und es nicht den Anschein machte, als lauerte da jemand darauf, Frauen zu vergewaltigen. Um genau zu sein, habe ich da noch nie auch nur einen einzigen Menschen rumlungern sehen, obwohl ich regelmäßig daher fahre.

Das einzig erfreuliche an dieser Begegnung war, dass uns ein junger Mann zu unseren Rädern folgte, der vorher schon kurz dabei gestanden, sich aber nicht geäußert hatte. Selber muss er in irgendeiner Generation asiatische Vorfahren gehabt haben; das erwähne ich deshalb, weil ich gerade dann denke, dass Menschen solch rassistische Äußerungen sauer aufstoßen müssen und sie einschreiten.
Nun, dieser junge Mann war der Vorgesetzte des Türstehers und war mindestens so sauer wie wir; er ließ sich von uns noch einmal die gesamte Situation schildern und kündigte dann an, sich darum zu kümmern.

Warum ich euch das erzähle? Das ist doch nur ein einziger Depp, der sowas redet?

Ich befürchte, dem ist nicht so; ich habe den Eindruck, Mist wie dieser verbreitet sich wieder mehr und mehr in den Köpfen unserer Mitmenschen. Es zeigt zudem, was für ein falsches Denken in Teilen unserer Gesellschaft vorherrscht; es ist ja nicht „nur“ der Rassismus, der bei diesem Zusammentreffen vorliegt.
Dieser Türsteher schaffte es, Rassismus, Sexismus und Victim Blaming in einen einzigen Satz zu packen.
Ja, es ist sexistisch, wenn vorausgesetzt wird, dass ich mich nicht alleine verteidigen kann, weil ich eine Frau bin. Wer sagt ihm denn, dass ich nicht dazu in der Lage bin? Vielleicht weiß ich, wie ich jemandem das Nasenbein ins Hirn ramme? Oder vielleicht mache ich Kampfsport? Vielleicht trage ich auch immer heimlich ein Messer mit mir rum? Aufgrund meines Geschlechts davon auszugehen, dass ich mich nicht verteidigen kann, ist sexistisch, ist aber für mich nicht so schlimm wie die Tatsache, dass er allen Ernstes meint, wenn ich meine Hose runterziehe, lade ich damit Menschen dazu ein, mich zu vergewaltigen.

Kein Opfer ist Schuld daran, wenn eine Straftat geschieht. Ich könnte nackt durch die Altstadt laufen und es gäbe niemandem das Recht, mich auch nur anzufassen. Ob mein Körper bekleidet ist oder nicht, ändert nichts daran, dass es mein Körper bleibt.
Gucken kann jeder. Anfassen nicht.
Zu implizieren, ich fordere jemanden durch das Herunterlassen meiner Hose dazu auf, mich zu vergewaltigen, ist unmöglich und regt mich viel mehr auf als die Tatsache, dass er meint, ich könne mich nicht verteidigen.

Menschen wie dieser Türsteher lassen mich an unserer Gesellschaft zweifeln.

Ich möchte nicht, dass wir mehr Leute mit solchem Gedankengut hier haben. Ich möchte, dass wir uns dem entgegenstellen und Menschen, die derartigen Schwachsinn reden, sagen, was sie sind.
Rassisten. Sexisten.

Advertisements

9 Gedanken zu “… „Liebe Gesellschaft, wir müssen reden!“?

  1. Oh, das kenne ich leider nur zu gut.. mir wurde im Nachhinein sogar gesagt, ich habe schuld. Solle ich doch kein kurzes enges Kleid im Winter bei einer Party tragen.. Das würden die meisten als Einladung sehen.. traurig so was.
    Ich hoffe du hattest ein schönes Wochenende und triffst in Zukunft nicht mehr “solche“ Menschen 😉
    Liebste Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Ich bekam bei Facebook Kommentare zu diesem Beitrag, denen zufolge sogar Frauen total in so einem Denken stecken. 😱

      Ich hoffe auch, dass mir weitere derartige Begegnungen erspart bleiben!

      Liebe Grüße
      Silja

      Gefällt mir

    2. Kann man glaube ich wie bei vielen Dingen nicht pauschalisieren. Ich hoffe diese Leute sehen irgendwann ein, dass so kein Miteinander geht.
      Ich hoffe für dich das selbige! 😉
      Schönen Tag noch ♡

      Gefällt 1 Person

    1. “Figuren“? Echt? Genausowenig, wie alle geflüchteten Menschen vergewaltigen, sind alle eine Bereicherung. Wie wäre es, wenn man Menschen einfach mal als Individuen statt als Gruppen betrachtete?

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s