… Stofftaschentücher?

Das Erste, was mir bei Stofftaschentüchern in den Sinn kommt, ist der Anblick meines früheren Musik – und Religionslehrers.

Er war der Inbegriff ekeliger Nutzung von Stofftaschentüchern; in einem sich immer wiederholenden Nutzungskreislauf putzte er zunächst seine Brille, tupfte dann den Schweiß von seiner Stirn und putzte anschließend die Nase. Kein Problem, hätte er jedes Mal ein neues Tuch genommen; immer wieder dasselbe zu nehmen, war jedoch eher unschön. Ich frage mich bis heute, ob er durch seine Brille noch sehen konnte.

Früher – bis ins 18. Jahrhundert hinein – schnäuzte man sich in die Finger und wischte selbige dann an der Kleidung ab; im 18. Jahrhundert verbreiteten sich Stofftaschentücher in der Oberschicht, während die niederen Schichten weiterhin ihre Finger nutzten.
Ab dem 20. Jahrhundert waren die uns bekannten Papiertaschentücher für jedermann erhältlich; seither ist ihr Verbrauch rasant gestiegen.

Um es wieder einmal in einer Hochrechnung zu veranschaulichen:
Gesetz dem Fall, ich werde 80 Jahre alt und verbrauche in jeder Lebenswoche eine Packung Taschentücher, dann sind das 4160 Packungen. Das heißt, 4160 winzige Plastiktütchen und 41.600 einzelne Taschentücher.
Zum Vergleich: Dieses achtzigjährige Leben hat 29.200 Tage.

Jedes dieser 41.600 Taschentücher verbraucht Holz, Wasser und Energie; im Bestfall schone ich die Umwelt ein wenig, indem ich Recyclingpapier oder Zellstoff aus deutschem Anbau nutze – letzteres dürfte schwierig werden, da über 80% des in Deutschland verarbeiteten Zellstoffs aus dem Ausland, oftmals aus Schwellenländern, stammt.
Für diesen Zellstoff wird Regenwald gerodet – macht nichts, den brauchen wir ja nur für unser Weltklima; ganz davon abgesehen, dass er uns Nahrung bietet!
Statt Recyclingpapier zu nutzen, das schließlich auch irgendwann einmal produziert und anschließend wieder aufgearbeitet werden musste, kann man auf die ganz simple, doch irgendwie vergessene Alternative zurückgreifen – Stofftaschentücher.

Stofftaschentücher sind so ein Omading.

Während ich sie bei meinem Lehrer immer ekelig fand, war ich bei Oma und Opa fasziniert davon. Ich fand die Tücher hübsch anzusehen und mochte, wenn sie benutzt wurden; es sah so stilvoll aus.
Als ich vor Kurzem selber begann, mir zwischendurch immer mal wieder mit von Oma geerbten Stofftaschentüchern die Nase zu putzen, kam ich mir erst etwas seltsam vor. Es war ein wenig, als würde ich einfach ein T – Shirt nehmen und damit die Nase putzen. Das macht man doch nicht!
Nachdem ich mir klargemacht hatte, dass die Stofftaschentücher dazu gedacht waren, beschnäuzt zu werden, wurde es besser und ich stellte fest, dass das Putzgefühl angenehmer ist als mit Papiertaschentüchern. Egal, wie kräftig man die Nase putzt, nichts weicht ekelig durch und reisst; es wird einfach feucht und gut ist.

Nach einer angenehmen Testphase, in der ich unterwegs Papiertaschentücher, zuhause jedoch Stofftaschentücher benutzte, beschloss ich, meinen Stofftaschentuchbesitz zu vergrößern und den Kauf von Papiertaschentüchern einzustellen.
Weil ich selten wasche, aber Heuschnupfen habe, hielt ich eine Sammlung von 25 bis 30 Stofftaschentüchern für sinnvoll; so kam es, dass ich nun eine Mischung aus geerbten und neuen Taschentüchern besitze. Einige der neuen kaufte ich im Secondhandladen (sie sind also nur neu im Familienbesitz), so dass nur ungefähr 15 meiner neuen Taschentücher frisch produziert wurden.
Die sauberen Taschentücher lagere ich in einem Korb im Badezimmer, damit sie jederzeit griffbereit sind.

 

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Morgens nehme ich ein Taschentuch, das ich für den Tag benutze – in der Regel putze ich mir vielleicht drei mal am Tag die Nase, so dass ich nicht wüsste, weshalb ich jedes Mal ein neues Tuch nehmen sollte; bei Papiertaschentüchern war ich da auch wenig penibel, wenn ich nicht gerade eine Heuschnupfenattacke hatte. Im Falle einer solchen nehme ich auch jetzt noch mehr als ein Tuch; manchmal möchte der Körper gar nicht mehr aufhören, Rotze zu produzieren.
Bin ich länger unterwegs, nehme ich vorsichtshalber drei bis vier Taschentücher mit; ich packe sie einfach gefaltet in die Tasche. Ursprünglich hatte ich überlegt, eigens etwas dafür zu nähen, doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass ich zu faul wäre, immer erst Taschentücher in eine extra Tasche zu packen.
Die benutzten Taschentücher falte ich so, dass ihre dreckigen Anteile möglichst innen liegen und stecke sie dann in die Hosentasche; ob da nun ein benutztes, durchweichtes Papiertaschentuch steckt oder ein benutztes Stofftaschentuch, ist nun wahrlich egal.
Abends werfe ich das benutzte Taschentuch in einen Beutel, den ich noch im Keller liegen hatte; ist dieser voll, wasche ich die Tücher mit meiner normalen Wäsche zusammen.

 

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Dieser Beutel existiert seit meiner Kindheit!

 

Vor meiner ersten Taschentuchwäsche ekelte ich mich etwas; da ist schließlich alles voller Rotze!

Nüchtern betrachtet ist da jedoch nichts, wovor man sich ekeln muss.
Es ist eine meiner Körperflüssigkeiten, die bereits getrocknet ist und deren Bakterien bereits bei diesem Vorgang teilweise zugrunde gehen. Ich wasche meine Taschentücher also nun mit all meiner anderen Kleidung zusammen; man wäscht schließlich, um es sauber zu bekommen. Solange ich nicht erkältet bin, wasche ich bei 30 oder 40 Grad – prinzipiell ist da erstmal nichts krankheitserregendes, sondern einfach nur Dreck, den mein Körper loswerden wollte.
Für den Erkältungsfall plane ich heißere Wäschen ein.

Mein Fazit nach einigen Wochen der Stofftaschentuchnutzung:
Es ist toll! Ich fühle mich wohl damit und ich habe nicht mehr ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich zig Taschentücher und deren Verpackung verbrauche.
Die Stofftaschentücher, die ich jetzt besitze, werden mich vermutlich bis an mein Lebensende begleiten; das ist nachhaltig und schont unseren Planeten – wir haben nur den einen!

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12 Gedanken zu “… Stofftaschentücher?

  1. Wir benutzen mit unseren 4 Kids nur Stofftaschentücher…nach ein paar Wäschen mit Papierflusen gabs sowas net mehr hier…toll die Taschentücher falten und bügeln wir nicht mal mehr…sie lagern einfach so in einem Weidenkorb. Gefunden haben wir sie in nem Rotkreuzladen…wohl ausrangiert von verstorbenen Omis und Opis. Da wir Stoffwindeln nutzen und Läppchen statt Feuchttücher gibts auch genug Möglichkeiten sie bei 60 Grad immer mitzuwaschen. Und es sind immer genug verfügbar. Einzig mein Mann nimmt noch die doofen Papierteile 😉

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  2. Ich hab meinen Freund gerade vorgeschlagen ab heute nur noch Stofftaschentücjer zu nutzen, weil du ja wirklich recht hast. Seine Reaktion war eher geschockt – stumm 😂 Aber Papiertaschentücher sind bei uns eh so gut wie immer alle und Stofftaschentücher gehen nie aus – noch ein Vorteil. Auf jeden Fall eine super Inspiration. Danke!

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  3. Bis an Dein Lebensende werden sie vermutlich nicht halten:
    Die, die man heute neu kaufen kann, werden erstaunlich schnell morsch und bekommen Löcher …
    Dann aber kann man sie immer noch prima dazu verwenden, die Brille damit zu putzen, Flüssigkeiten abzuseihen, oder – feucht mit etwas Salz – Käse darin einzuschlagen. 🙂

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    1. Naja, neu gekauft sind ja nicht so viele. 😄 Aber auch, wenn sie “nur“ einige Jahre halten, ist das eine enorme Verbesserung. 🙂
      Käse schlage ich eher nicht ein. 😂

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  4. Wie toll, dass du dies thematisierst! 🙂
    Seit einiger Zeit benutze ich auch im Haus Stofftaschentücher, die ich von meiner Familie geerbt habe. Daran, diese auch draußen zu benutzen muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber sie sind definitiv eine gute nachhaltige Alternative zu den Papiertaschentüchern.

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