… Ehe für alle?

Eigentlich wollte ich gar nicht darüber schreiben; für mich ist die Ehe für alle so selbstverständlich, dass ich gar nicht wüsste, worüber es sich dahingehend zu beschweren gibt.

Als ich zwei Tage nach der Abstimmung das erste Mal wieder länger online ging, lernte ich, was das Problem ist – die Ehe für alle zerstört unsere guten deutschen Werte und lässt Kinder homosexuell werden!

Wenn ich so einen Quatsch lese, frage ich mich immer wieder, was eigentlich diese deutschen (oder auch abendländisch – christlichen) Werte sein sollen.
Dass man jedem alles neidet und möglichst viel möglichst billig haben will?
Dass jeder nur auf sein eigenes Wohl achtet und egal ist, wenn dabei jemand auf der Strecke bleibt?
Oder vielleicht, dass generell alles scheiße ist, egal, wie gut es einem geht?

Die Ehe für alle ist wieder mal ein Paradebeispiel dafür, dass hierzulande viele Menschen Angst haben, ihnen könnte etwas weggenommen werden.

Welcher Nachteil entsteht mir bitte dadurch, dass jetzt auch homosexuelle Paare heiraten können?
Wer mich jetzt nicht heiraten will, wollte mich vermutlich auch vorher nicht heiraten; vollkommen unabhängig davon, ob andere Menschen dieses Recht haben oder nicht. Die Ehe ist auch kein Gut, das in seinem Kontingent beschränkt ist; man kann davon raushauen, soviel man will, und hat doch noch genug!
Selbst, wenn das nicht so wäre – bei anderen Dingen stört uns schließlich auch nicht, wenn wir sie verprassen.

Treibt man sich ein wenig im Internet herum, kommt man nicht umhin, zu lesen, dass manche Menschen meinen, die Ehe sei nur für Mann und Frau bestimmt.
Wo steht das? Gibt es darüber eventuell einen Abschnitt in der Bibel?
Falls ja – das ist ein Buch, das sich Menschen ausgedacht haben! Und, falls es in der Bibel steht, was hat überhaupt Religion mit der Gesetzgebung eines Staates zu tun? Sollte das nicht unabhängig sein? Es gibt doch auch kein Gesetz, demzufolge ich freitags Fisch zu essen habe, obwohl das im christlichen Glauben so Usus ist.
Nun, zurück zur Ehe zwischen Mann und Frau. Bekanntermaßen läuft die immer astrein, schließlich ist sie von der Natur so gewollt! Wenn Männer oder Frauen untereinander heiraten, ist das zum Scheitern verurteilt, schließlich ist Homosexualität vollkommen unnatürlich.
Denn, auch das lernt man im Internet, Kinder werden durch Erziehung homosexuell! Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind adoptiert – das dürfen sie jetzt endlich -, dann wird das unweigerlich homosexuell.

Wusstest du nicht?

Ich auch nicht. Ist schließlich auch ausgemachter Quatsch.
Wie soll denn der erste homosexuelle Mensch entstanden sein, wenn Homosexualität eine Frage der Erziehung ist? Als Experiment wagemutiger Eltern?

Nun, die Ehe für alle bringt mit sich, dass auch homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen; ich finde das klasse, denn ich wüsste nicht, weswegen die Sexualität einen zu schlechteren Eltern machen sollte. Wenn zwei Menschen sich lieben und den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind haben, dann sollen sie eins haben – und gemeinsam ist ein Kind in dem Moment, in dem es von zwei Menschen zusammen nach ihren Vorstellungen großgezogen wird; im Gegensatz zur sexuellen Orientierung sind nämlich grundlegende Werte wie beispielsweise Empathie und Toleranz Erziehungssache.

Ich freue mich, dass nun auch homosexuelle Menschen heiraten dürfen und ich hoffe, es machen unglaublich viele!
Ich hoffe, wir werden mit diesem Schritt endlich eine offenere Gesellschaft; es gibt leider immer noch unglaublich viele Menschen, die eine Denkweise haben, die an meine Großeltern erinnert.

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11 Gedanken zu “… Ehe für alle?

  1. Schön geschrieben. Du hast aber etwas vergessen. Du sagtest ja schon: sie haben Angst dass Kinder homosexuell erzogen werden. Dazu kommt aber noch dass so systematisch die Menschheit ausstirbt weil Partnerschaft ja eigentlich der Reproduktion dient. Da komme ich zu dem Umkehrschluss dass auch heterosexuellen Paaren, die keine Kinder wollen oder kriegen können die Ehe verwehrt werden sollte. Quatsch beiseite. Ich freu mich genauso wie du. Immer wieder musste ich lesen: „Haben wir keine anderen Probleme als die Homos?“ – diese Frage ist gleich in zweierlei Hinsicht überflüssig weil ERSTENS: haben diese Menschen Homosexualität erst zum Problem gemacht und zweitens geht es uns sehr wohl ALLE an und ist für ALLE – egal ob homo, Hetero, bi, Trans oder Sonstwas – WICHTIG: wir alle wollen in einer toleranten, modernen und zivilisierten Gesellschaft leben, die uns stolz macht ein Teil von ihr zu sein…
    LG
    Die Frau Müller

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  2. Vielen lieben Dank für diesen echt tollen Beitrag, zeigt mir so etwas doch immer wieder, dass ich nicht an mir zweifeln muss, sondern ich genau so, wie ich bin, richtig bin. 🙂
    Ich habe vor Jahren wirklich viel Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich nun einmal auch auf Frauen stehe und mein Leben nicht zwingend an der Seite eines Mannes verbringen möchte.. Ich habe viel mit den Reaktionen Anderer zu kämpfen gehabt – meine ehemaligen Mitbewohner wollten einfach nicht wahr haben, dass es noch etwas anderes als Mann und Frau gibt -, aber am meisten hatte ich mit mir selbst zu kämpfen.
    Ich habe geschwankt zwischen „Ich bin genau so super, wie ich bin“ und „Warum bin gerade ich so komisch?“.
    Die Entscheidung für die Ehe für alle hat mir viel von diesen Zweifeln genommen, da ich jetzt endlich das Gefühl habe, wirklich akzeptiert zu sein. Wenn es auch noch nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen ist, habe ich jetzt trotzdem die Gewissheit, dass das Land, in dem ich lebe, mich vom Gesetz her endlich frei l(i)eben lässt und als gleichwertig ansieht. 😀
    Ich denke, das Verständnis der Menschen wird mit jedem Tag, mit jeder Hochzeit zwischen zwei Männern oder zwei Frauen, mit jedem homosexuellen Paar in der Öffentlichkeit und mit jedem Regenbogen wachsen. ;D
    Ich für meinen Teil habe jetzt endlich ein Stück Vertrauen in Deutschland und die Politik zurückgewonnen. Der nächste Schritt wird sein, den Menschen auf der Straße mehr vertrauen zu können und nicht hinter jedem schrägen Blick direkt eine Pöbelei zu erwarten, bloß weil ich händchenhaltend mit meiner Freundin durch die Stadt laufe, wie es hunderte Hetero-Paare neben uns auch machen. 😀

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    1. Ich danke dir für deinen Kommentar! 🙂

      Dass du dich jetzt so viel wohler und befreit fühlst, freut mich!
      Schlimm, dass man überhaupt auf Pöbeleien eingestellt sein muss. 😦

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  3. Es ist definitiv ein Grund, sich aufzuregen, dass solche Sachen im Internet zu lesen sind, aber leider auch kein Wunder. Ein Gesetz allein macht eben noch nicht alle zu akzeptierenden Menschen – der lange Weg dahin, dass die Abstimmung überhaupt möglich wurde, zeigt das ja schon selbst. Auch wenn es jetzt wieder einen Schritt weitergegangen ist, gibt es immer noch viel zu tun. Das mit der Adoption ist für Frauen zum Beispiel noch gar nicht so klar und einfach. Auf meinem Blog findest Du auch einen Artikel zu dem Thema: http://www.blitzlichtglitzer.de/2017/07/hallo-21-jahrhundert-ehefuralle.html
    Vielleicht magst Du ja mal vorbeischauen. 🙂

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  4. Sehr schön geschrieben! Ich habe ein großes Unverständnis gegenüber Menschen, die intolerant gegen die Homoehe sind. Ich toleriere alles, solange niemand dabei zu schaden kommt. Frei nach Immanuel Kant, einem DEUTSCHEN Philosophen. Sogar der Typ war damals intelligenter als manche Menschen heute.
    Als ich einen Vergleich gelesen habe, in welchem mein Vater kommentierte, er dürfe dann ja auch endlich seine Schwester heiraten und 5 Frauen haben, stellten sich mir alle Haare auf. Da weiß ich zumindest von welcher Seite meine Toleranz kommt.
    Ich finde es aber sehr erfrischen, dass es genug denkende Menschen auf der Welt gibt, die nicht bei der Hexenverbrennung stecken geblieben sind.

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    1. Huuu, solche Kommentare sind furchtbar! Das sind dann vollkommen ad absurdum geführte Dinge; es gab ja auch schon Leute, die irgendeinen Pädophiliequatsch dazu vom Stapel ließen; total am Thema vorbei.

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  5. Sehr schöner Artikel, der mir aus der Seele spricht. Liebe geht ueber Grenzen und Kontinente und ist etwas gutes. Die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen ist nicht die Erste Hürde die Liebende zu überwinden hatten. Es gab Zeiten, da war es nicht erlaubt zu Heiraten, wenn man keinen Grundbesitz hatte, daher entstand z. B. in Amberg das Ehhäusl, das konnte man dann für einen Tag kaufen. Dann gab es eine Zeit da durften Menschen mit Erbkrankheiten nicht heiraten. Oder Arier durften keine Juden heiraten. Weiße durften keine Schwarzen heiraten. Und noch nicht so lange her war es sehr verpönt und wurde von einigen Familien verachtet, wenn Katholiken Evangelische geheiratet haben. Auch meine sehr glückliche Ehe wäre vor 70 Jahren verboten gewesen. Ich habe einen Amerikaner geheiratet. Damals gab es ein sogenanntes Fratanisierungsverbot. Ich lasse mir meine Liebe von niemand verbieten und so sollen auch Andere ihre Liebe leben können und eben auch rechtlich absichern können. Es geht hier ja nicht nur um romantischen Schnickschnack. Es geht auch darum, wenn der Partner einen Unfall hat, dass man dann zu ihm kann und Entscheidungen treffen kann. Oder wenn man zusammen ein Haus kauft, das Erbe geklärt ist….. Wie in dem Beitrag schön gesagt, es schadet niemand! Ich freue mich für alle die ihre Liebe gefunden haben. Herzlichen Glückwunsch an die LBGT Gemeinde!

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