… Lieblingskleidung upcyceln – aus Hose wird Tasche?

Ich rede nicht von Jeans, die zu Neunzigerjahregedächtnistaschen werden – nein, es geht um die liebste Stoffhose, die einfach irgendwann so verschlissene Stellen hat, dass man auf den Moment wartet, in dem in der Mitte ein Luftloch entsteht.

Für T – Shirts ist diese Anleitung ähnlich umsetzbar – auch da gibt es ab und zu Lieblingsteile, die ihre besten Zeiten einfach hinter sich haben.

Bis vor Kurzem gehörte ich zu den Menschen, die untragbar gewordene Lieblingskleidung in den Schrank legen, bei jedem Ausmisten rausholen, liebevoll streicheln und wieder weglegen; mich zu trennen, fiel mir zu schwer, doch zum Tragen waren die Teile einfach nicht mehr geeignet – zu klein, zu ausgeleiert, zu fadenscheinig, gerissene Nähte, nicht mehr mein Stil.

Als ich vor einigen Monaten dann an meiner Lieblingsgammelhose, einem dünnen Jerseyschlabberteil mit Marvelcomicdruck, entdeckte, dass der Stoff um die Nähte herum nicht mehr lange mitmachen würde, war ich traurig.
Ich wollte die Hose nicht entsorgen, doch sie im Schrank liegen zu lassen, fand ich auch doof – ich beschloss also, eine Tasche zu nähen, die zwar selbstgemacht, aber nicht öko aussieht; öko sein ist ok, so aussehen möchte ich trotzdem meistens nicht.

Gerade weil öko sein gut ist, war der Anspruch, möglichst plastikfrei zu arbeiten – ich entwickelte im Kopf also eine genauere Idee meiner Tasche und zog los, um im Stoffladen alle nötigen Teile zu kaufen.

 

 

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Ich kaufte dickes Seil, um daraus Träger zu machen, zu meiner Hose passendes Garn (leider war das allerdings auf einer Plastikspule), Schneiderkreide, vier Metallösen, die groß genug waren, um das Seil hindurchzuziehen (inklusive Ösenstanze) sowie einen Metalldruckknopf.
Ausserdem durchsuchte ich meinen endlosen Jutebeutelfundus und fand einen roten, den ich schon ewig nicht benutzt hatte, sowie einen schwarzen Beutel, den ich irgendwann als Werbegeschenk bekam und aufgrund seines Aufdrucks nie nutzte – mein Plan sah vor, dreilagig zu arbeiten, um die auf die Tasche wirkende Last nicht auf den Hosenstoff, sondern stabilere Stoffe zu verlagern.
An weiterem Zubehör benötigen wir eine Schere – im Bestfall eine Stoffschere -, Stecknadeln, einen Fingerhut für diejenigen unter uns, die mit der Hand nähen, einen Hammer, ein Lineal oder ähnliches, an dem man entlangzeichnen kann, etwas Tesafilm o.Ä., sofern vorhanden, sowie Geduld und Hingabe.

Im ersten Schritt schnitt ich aus dem Hosenstoff zwei rechteckige, gleichgroße Stoffe, die eine möglichst große Tasche ergaben – ein Kleidungsstück limitiert natürlich die Größe des späteren Ergebnisses.
Zu diesen Stücken passend schnitt ich dann je zwei Rechtecke aus den anderen Taschen aus.
Die sechs Teile legte ich so aufeinander, dass ich die zukünftige rote Innenseite der Tasche sah – es lag also roter Stoff zuunterst, darauf schwarzer, darauf Hosenstoff mit der schönen Seite zu mir, darauf Hosenstoff mit der unschönen Seite zu mir, darauf schwarzer Stoff und darauf wieder roter. Bis ich das sortiert hatte, waren ungefähr zwei Stunden um (Der Knoten im Kopf war enorm!), so dass ich erst einmal einen Tag Pause brauchte.

Am nächsten Tag steckte ich die Stoffe zusammen, zeichnete mit der Schneiderkreide an, wo ich nähen wollte und nähte los – möglichst enge Stiche an drei Seiten der Tasche; wer eine Nähmaschine hat, kann sich hier glücklich schätzen, braucht aber vermutlich keine Anleitung zum Nähen einer solchen Tasche.
An der Seite, an der später einmal die Öffnung sein sollte, ließ ich ungefähr zwei Zentimeter Stoff unvernäht, um diesen hinterher zu einer festen Kante umzunähen.

 

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Zwischenzeitlich war ich sehr fasziniert davon, wie ordentlich ich per Hand nähen kann, wenn ich will.

 

Die Kante ist bereits der nächste Schritt – hierzu den nicht vernähten Stoff soweit umklappen, wie man es für die Kante mag, mit Sicherheitsnadeln fixieren, die Naht vorzeichnen und wieder mit kleinen, möglichst sauberen Stichen festnähen.
Das Grundgerüst der Tasche steht; nun kommen wir zum für mich spannendsten Teil – dem Umgang mit einer Ösenstanze.

Ösen verstärken unsere Löcher und sorgen so dafür, dass die Griffe nicht zu sehr am Stoff zerren; die Verwendung der Stanze steht sowohl auf etwaigen Packungen als auch im Internet beschrieben – ich empfehle, an einem Stofffetzen ein wenig zu üben und sich einmal mit dem Prinzip der Öse zu beschäftigen, dann läuft es wie von selbst!
Bevor wir die Öse einschlagen können, verstärken wir den Stoff an der Stelle, an der die Öse später sitzen soll; das verhindert, dass die Öse durch die auf sie ausgeübte Kraft ausreisst.

 

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Ich habe mich schon öfter gefragt, was diese Kreuze an Taschen sollen – die verstärken den Stoff. Wieder was gelernt.

 

Zu diesem Zweck drehen wir unseren Stoff erst einmal auf rechts – jetzt sehen wir endlich, wie gut wir genäht haben – und markieren an den Stellen, an denen wir unsere Ösen anbringen möchten, Vierecke, die etwas größer als die Ösen sind, und zeichnen Kreuze hinein – diese Anzeichnungen nähen wir mit den von uns nun schon perfekt beherrschten kleinen Stichen nach, so dass wir hinterher auf jeder Seite der Tasche zwei Vierecke mit Kreuzen drin haben.
Voilà – so schnell ist der Stoff verstärkt!

Nun platzieren wir in der Mitte des Kreuzes unsere Öse – ich habe sie einmal kräftig aufgedrückt, um zu sehen, ob ich die richtige Stelle treffe, und dann das Loch gestanzt. Hilfreich ist, wenn man sein Ösenloch etwas kleiner als die eigentliche Öse gestaltet (ich habe daher nur grob vorgestanzt und den Rest ausgeschnitten), so dass der Stoff hinterher ordentlich über die Öse gespannt werden kann.
Für jede Öse ein Loch schlagen, die Ösen platzieren, festnieten und sich den Angstschweiß von der Stirn streichen, der dabei entstanden ist.

 

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Haben wir uns etwas erholt, widmen wir uns dem nächsten Angstgegner – dem Druckknopf.
Wer seine Tasche nicht verschließen möchte, kann diesen Punkt getrost überspringen; alle anderen markieren sich auf jeder Innenseite der Tasche die Stelle, an der der Knopf landen soll, und nähen ihn dann dort fest – am besten so, dass die Stiche nicht auf der Aussenseite der Tasche austreten, sondern in einer der darunterliegenden Schichten (je nachdem, wie der Stoff an der Kante geklappt wurde, hat man da drei bis sechs zur Verfügung); dass ein Knopf angenäht wurde, ist von aussen dann gar nicht zu sehen.

Bald ist es geschafft; es fehlen nur noch die Träger!

Diese sind besonders einfach gemacht – das Seil in zwei gleich lange Stücke schneiden (das geht besonders gut, wenn man noch irgendwo Tesafilm findet – die zweite Plastik“sünde“ an diesem Teil – und das um die Schnittstelle wickelt, bevor man schneidet), durch die Ösen ziehen und so verknoten, dass die Träger gleich lang sind.

 

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Fertig ist die selbstgenähte Tasche aus eurem Lieblingsteil – ich muss bei meiner immer lächeln, weil ich mich so freue, dass ich meine Hose auf diese Weise retten konnte.

Die Tasche ist, handwerklich betrachtet, nicht perfekt, doch sie ist genau nach meinen Vorstellungen und, ganz wichtig, vollständig durch meine Hände entstanden – das macht sie für mich zu einer der tollsten Taschen aller Zeiten!

 

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Eine Soulbottle, ein nicht zu dickes Buch, Portemonnaie, Handy und Schlüssel passen perfekt in diese Tasche.

 

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5 Gedanken zu “… Lieblingskleidung upcyceln – aus Hose wird Tasche?

  1. Schaut auf alle Fälle Klasse aus 🙂
    Hast Du noch kleinere Reste Deiner Hose? Die eignen sich prima für kleinere Beutelchen, in denen dann Krimskrams verschwindet. Die können dann am Stück in die große Tasche und Du hast keine Kramerei. Und passen perfekt dazu.
    Solltest Du mal eine größere Tasche machen wollen: Patchworktechnik ist da toll. Von Hand genäht brauchst Du dann aber auch eine gute Portion Wahnsinn dazu 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Denke! 🙂
      Reste habe ich, die sind aber schon verplant. 😁😁 Ich versuche immer, so wenig mitzunehmen, dass ich nicht kramen muss.

      Diese Tasche war von Hand schon etwas bekloppt, da wäre Patchwork ja nur noch irre. 😂

      Gefällt 1 Person

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