… Gedanken eines Sportmuffels?

Ich hasse Sport.

Sportliche Menschen waren mir schon immer ein Rätsel.
Mein Vater zum Beispiel – er ist unzählige Marathons gelaufen und hat fünf Mal am Ironman teilgenommen; wie er eine so unsportliche Tochter wie mich bekommen konnte, weiß man nicht!

Wie viele andere Kinder wurde ich, als ich klein war, zum Ausprobieren unterschiedlicher Sportarten motiviert.
Ballett, Leichtathletik und Schwimmen waren, wofür sich bei mir entschieden wurde; wer diese Entscheidung traf, weiß ich nicht – vermutlich meine Eltern und nicht ich.

Meine Leichtathletikkarriere war sehr schnell wieder beendet; ich erinnere mich daran, dass ich mal im Stadion war und weiß noch, was ich an hatte; mehr ist nicht hängen geblieben.
Mein Hirn verdrängt offenbar alles, was mit dem Thema Leichtathletik zu tun hat, sehr erfolgreich; ich nehme an, damit ich nicht mehr an all die furchtbaren, bloßstellenden Sommerbundesjugendspiele erinnert werde, die im gleichen Stadion stattfanden.

Meine Schwimmversuche waren deutlich erfolgreicher als die im Bereich der Leichtathletik; schwimmen machte mir in einem gewissen Maße Spaß.
Solange, bis ich vor die Wahl gestellt wurde, endlich an Wettkämpfen teilzunehmen oder den Schwimmverein zu verlassen.
Ob wohl irgendjemand ernsthaft erwartet hatte, dass ich mich für die Wettkämpfe entscheide?

Die einzige Sportart, die ich mochte, aber ehrlich gesagt auch nie wirklich als Sport wahrnahm, war Ballett.
Im Ballett, besonders dem Spitzenballett, war ich erstaunlich gut; meine Ballettlehrerin war fasziniert, dass ich auf Spitze besser war als im normalen Ballett. Es machte mir Spaß, ich musste keine Wettkämpfe bestreiten, und den einzigen Teil des Unterrichts, den ich nicht mochte und konnte, musste ich irgendwann nicht mehr mitmachen – am Ende jeder Stunde schlugen wir in einer Diagonalen Räder durch den Raum; nachdem ich einige Male eine Kurve beschrieben und fast den Spiegel zertrümmert hatte, durfte ich dabei aussetzen.
Obwohl ich Ballett mochte, hörte ich nach zehn Jahren auf; soweit ich mich entsinne, hing es mit meiner unvorteilhaften körperlichen Entwicklung während der Pubertät zusammen, um es mal nett zu beschreiben. Ich meine, Papas Worte waren „Elefantenballett gibt`s nicht.“.

Weil ich bis zu diesem Punkt – ich war damals 13 – bereits einen enormen Sporthass entwickelt hatte, machte ich einfach gar nichts.

Dieser Sporthass kam mitnichten von meinen eher mäßigen Erlebnissen bei privaten Sportversuchen; nein, er entstand durch den Sportunterricht.
Vor jeder Sportstunde wusste ich, dass ich gleich wieder Sachen machen müsste, die ich nicht konnte.
Badminton spielen, weil das die Lieblingssportart meiner Lehrerin war. Basketball spielen, weil das die Lieblingssportart eines anderen Lehrers war. Brennball spielen, weil das ja SO ein tolles Spiel ist. Handball spielen, weil sich diejenigen, die sowieso schon sportlich waren, aussuchen durften, was wir machen.
Als unsportliches Kind mit Brille ist Handball echt scheiße. Im Grunde genommen jedes Spiel mit fliegenden Bällen – ich konnte wählen zwischen Blindheit und dem Risiko, einen Ball auf die Brille zu kriegen.
Weil ich meinen Notenschnitt nicht durch Sport kaputt machen wollte, bemühte ich mich sogar wirklich; das bemerkte nur niemand, weil ich trotzdem schlecht war.
Ich blieb diejenige, die auf dem Zeugnis ein „ausreichend“ bei Sport stehen hatte und bei jedem Spiel als eine der letzten ins Team gewählt wurde.

Auch die bereits erwähnten Bundesjugendspiele endeten für mich jedes Mal auf die gleiche, enorm frustrierende Art und Weise – mit einer Teilnehmerurkunde.
Ich konnte nicht werfen, hatte Angst, einen Handstand zu machen, über einen Bock zu springen, auf einem Schwebebalken irgendwelche seltsamen Figuren zu machen; hätte man von mir erwartet, etwas auf Spitze vorzutanzen, hätte ich um Längen besser abgeschnitten.
Weil es aber toller ist, von allen Kindern zu erwarten, dass sie genau die gleichen Dinge können, wurde daraus eben nichts.

Mittlerweile bin ich erwachsen.
Mein Sporthass ist geblieben. Wettkämpfe sind für mich ein Graus und wenn mich jemand beim Sport sieht, denke ich sofort, dass man mich auslacht.
Weil ich weiß, dass Sport gut für mich ist, habe ich immer wieder sportliche Phasen – ich gehe dann ins Fitnessstudio, wo ich gut in der Masse untergehe und wählen kann, was ich mache. Ich kann da sogar richtiggehend erfolgreich sein; wenn ich lange genug dran bleibe, sieht man irgendwann Ergebnisse!

Manchmal frage ich mich, ob nur ich so geschädigt bin von diesem Zwangssport in der Schule.

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21 Gedanken zu “… Gedanken eines Sportmuffels?

  1. Tut mir leid, dass du dich nie vorher dazu geäußert hast, aber du hast die gleichen Erlebnisse wie ich in meiner Kindheit hatte! Wie du weisst, mache ich jetzt ab und zu ganz gerne Sport, einfach, weil es mir gut tut,aber nicht, um irgendeine Perfektion zu erreichen. Wir hätten vor
    ca. 20 Jahren drüber sprechen sollen!!!!

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  2. Deine Ausführungen zum Schulsport könnten 1:1 von mir stammen. Ich hielt mich daher lange für unsportlich. Ich hasste vorallem dieses ständige gemessen und verglichen werden: wie schnell, wie weit, wer ist besser? Heute bin ich Tanzlehrerin (Standard und Latein) und habe auch alle möglichen Solo Tanzarten ausprobiert. Mir ist nun klar, dass es zu Schulzeiten vorallem die falschen Sportarten für mich waren. Tanzen ist die einzige Sportart, die mir wirklich Freude macht und nun kann ich diese Freude weitergeben 🙂 Liebe Grüsse, Nadia

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    1. Tanzen ist wirklich toll! Irgendwie ist das für mich auch kein Sport. Mir ist klar, dass es Sport ist, aber selber empfinde ich es nicht so, das ist ganz seltsam.😄

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  3. Das kommt mir so bekannt vor! Ich war nicht mal unsportlich, hatte aber immer Angst, mir weh zu tun. Daher waren Völkerball, Bodenturnen, Hürdenlauf (!) usw. in der Schule die absolute Hölle für mich. Im Schwimmen war ich immer gut, und ich habe tatsächlich fast Jahre – nicht lachen – Synchronschwimmen betrieben. Die Wettkämpfe waren mir aber immer ein Graus.
    In den letzten Jahren treibe ich regelmäßig Sport, zunächst gezwungenermaßen wegen meines Rückens, mittlerweile sogar gerne. Als ich mal eine Lauf-Phase hatte, meinte meine Freundin ganz begeistert, dann könne ich mich ja bald zum städtischen 5km-Lauf anmelden. Niemals!!! Wettkämpfe und beim Sport beobachtet zu werden löst immer noch akute Abwehr aus. Das motiviert mich auch nicht, das macht mich fertig!

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  4. Ich finde, dass unsere Gesellschaft eine völlig falsche Einstellung zu Sport und Bewegung hat. Leider! Ich bin Personal Trainerin und ich stelle immer wieder fest, das falsche Glaubenssätze regelmäßig Bewegung verunmöglichen, da der eigene Anspruch an Sport (damit es auch Sinn macht muss es sehr anstrengend sein, perfekt ausgeführt werden und Zahlen Daten und Fakten müssen in der Performance Kurve beständig nach oben gehen…) und die Motivation dafür nicht korrelieren.
    Meine Versuche Sport auf Freude an der Bewegung herunterzubrechen, fruchten nur sehr langsam, da meine Vorschläge z.B.gemütliche aber regelmäßige! und auch längere Radtouren mit Picknick zu unternehmen, ja kein richtiger Sport sind. Schade! Denn für unsere Gesundheit zählt die Gesamtzahl an Bewegungsstunden pro Woche. Bewegung an der frischen Luft belohnt uns zudem noch mit einer Reduktion des Stresslevels sofern wir uns noch ein wenig auf das Naturerlebnis einlassen. Mein Fazit: mit regelmäßiger moderater Bewegung muss man sich kein Bein ausreißen um Vorteile für die Gesundheit zu erzielen! Bitte finde die Bewegungsart respektive den Sport bei dem Dir das Herz aufgeht. Das geht – glaub mir bitte!

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    1. Diese Einstellung finde ich sehr schön und unterstützenswert! 🙂
      Wenn ich lange genug bei der Sache bleibe, passt Fitnessstudio schon – der Start fällt nur immer so schwer. ;D

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  5. Gefällt mir! Ich glaube, das geht vielen so. Wir haben jahrelang nur Fußball gespielt, ich hab nie eingesehen, warum ich gemeinsam mit 15 (?) anderen dem blöden Ball nachlaufen soll. Laufen und Badminton waren mir viel lieber. 😛 Eine Lösung für das Dilemma fällt mir aber spontan nicht ein: Einerseits sollen Kinder und Jugendliche meiner Meinung nach dazu angehalten werden, Sport zu machen, andererseits ist es völlig sinnlos, Leuten, die bestimmte Sportarten nicht mögen, diese auf die Nase zu drücken. Dass ich (keine Körperkontrolle) mich beim Turnen nicht ernsthaft verletzt habe, ist eigentlich ein Wunder.

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    1. Fußball beschreibe ich genauso, wie du es machst; das finden Fußballfans irgendwie unlustig. Verstehe ich gar nicht. 😉
      Ja, es ist wirklich schwierig, den Sportunterricht so zu gestalten, dass es gerecht zugeht; vielleicht wäre da einfach ein Konzept sinnvoll, das notenfrei abläuft und mehr Alternativen bietet. Es mag eben nicht jeder Badminton, Volleyball und Fußball. Vom Turnen fangen wir besser gar nicht erst an!

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  6. Könnte von mir sein – bis auf das Ballett. Das gab es nicht auf dem Land.
    Ich fand ja Geräteturnen ganz schlimm. Uns wurde da auch nichts erklärt, sondern 1 x vorgeturnt und dann sollte das sitzen. Ja klar!
    Was das Schwimmen angeht: Du glaubst gar nicht, wie oft ich angeblich meine Tage hatte.

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    1. Ah, Geräteturnen! Ein einziges Mal konnte ich etwas wirklich gut am Stufenbarren; ich hatte mich schon regelrecht darauf gefreut, das vorturnen zu dürfen, weil es mir wirklich lag – am Prüfungstag war dann unsere Lehrerin krank und wir spielten Badminton. Gab eine vier, welch Überraschung!
      Schwimmen mochte ich sogar, das konnte ich einfach; war aber zu kurz als Sportunterricht im Programm, um damit was zu retten.

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    2. Das ist ja super frustrierend!
      Ich wäre froh gewesen, hätten wir nicht so oft Schwimmunterricht gehabt.
      Vor dem Schulsport war ich zwar auch nicht gut in Sport, habe es aber wenigstens ganz gern gemacht. Das haben die mir gründlich ausgetrieben.
      Ich suche immer noch nen Sport, der mir vielleicht ein wenig Spaß machen könnte.

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    3. Habe ich. Nach 3 x die Zehnerkarte verschenkt.
      Ich habe mich im August für einen Bartitsu-Workshop angemeldet. Mal gucken, ob mir das taugt. Alternativ halt Schwertkampf oder sowas. Halt was, wobei ich meine 30 kg Übergewicht voller Eleganz einbringen kann 😉

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  7. Mir kommt das auch seeeehr bekannt vor! Schulsport war ein graus, ich wurde auch immer als letztes ins Team „gewählt“. Beim Völkerball war ich oft die letzte im Feld weil ich nur weg rennen aber nicht fangen konnte, wofür mich natürlich alle hassten.
    22 Jahre meines Lebens habe ich bis auf das Notwendigste, den Schulsport, nichts gemacht. Bis ich vor 4 Jahren mit Kickboxen angefangen habe 🙂 Eigentlich wollte ich das als Selbstverteidigung und vielleicht ein Bisschen zum Abnehmen machen, aber dann bin ich hängen geblieben und hab mittlerweile den Grünen Gürtel und trainiere für Blau 😀
    Das zeigt mir, dass ich gar nicht unsportlich bin, sondern einfach nicht den richtigen Sport für mich gefunden habe.

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    1. Das mit dem Völkerball war bei mir genauso! 😀 Fangen und werfen ging überhaupt nicht, aber ich konnte mich unglaublich gut vor dem Ball in Sicherheit bringen! Das bringt einem wirklich nicht gerade Freunde.
      Das mit dem richtigen Sport finden sehe ich auch so; ich mag „Pumpen gehen“ auch wirklich gern, wenn ich einmal wieder richtig dabei bin; bis ich an dem Punkt bin, dauert es nur immer etwas.

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  8. Du schriebst mir grade zu aus der Seele. Bei mir hat sich auch schon in der Jugend ein gewisser “Sporthass“ entwickelt.

    Schon in der Grundschulzeit hatte ich Angst vor einem Handstand, ebenso wie bei dir war auch Völkerball und Brennball ziemlich angesagt und es gab eben die mega sportlichen und eben mich. Nicht das ich gar nicht sportlich bin, nur auch ich wurde immer als eine der Letzten ins Team gewählt, wenn nicht gerade eine meiner zwei besten Freundinnen die Gruppen bildete.
    Angefangen habe ich auch viel. Von Karate, über Leichtathletik, rhytmischer Sporttanz bis hin zum Ballet. ..

    Was bin ich froh , dass ich heute nur noch für mich Sport mache und zwar liegt mir auch am meisten das Schwimmen. Leider bin ich nämlich auch nicht der Mensch für Teamsport wie Fußball oder Volleyball. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja wieder 😉

    Danke auf jeden Fall für’s “Verstanden fühlen“ ! (:

    Liebste Grüße, Lu

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    1. Ich danke ebenfalls fürs Verstanden fühlen! 🙂 Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen den Sportunterricht so erleben wie ich es tat; gibt eigentlich zu denken.

      Liebe Grüße
      Silja

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  9. Kommt mir alles sehr bekannt vor und ja, ich würde auch dem Schulsport einen großen Teil der Schuld geben. Ich war auch nie sportlich, aber mal mit Freunden Tischtennis oder Fußball spielen, das hab ich schon gemacht. Aber der Schulsport hat mir auch alles verdorben. Da wird einem so eingetrichtert, dass man nicht gut genug ist, dass man auch keine Motivation hat, sich irgendwie zu verbessern. Man kann eh nie mithalten mit den Sportskanonen und an deren Leistungen wird man ja mitgemessen. Schwimmen in der Schule war die Krönung. Den eher unförmigen Körper halbnackt dem anderen Geschlecht präsentieren war ganz toll während der Pubertät. Mehr Demütigung ging eigentlich gar nicht. Ich gehe heute auch ins Fitnesstudio, hab mir aber auch extra eines ausgesucht, in dem die Kundschaft eher älter ist. In irgendne Muckibude, in der die 20jährigen Pumper ihren Bizeps einölen, wollte ich dann doch eher nicht. Ich war auch seit bestimmt 20 Jahren nicht mehr im Schwimmbad oder sonstwo schwimmen.

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