… mehr als Kopfschmerz?

Wer meiner Facebookseite oder meiner Kategorie „Pillenfrei“ folgt, der weiß es bereits: Ich leide an Migräne.

In diesem Fall sage ich, entgegen meiner Gewohnheit, wirklich „leiden“, denn genau das ist, was viele Migränepatienten machen; sie haben nicht einfach Migräne, sondern sie leiden darunter.
Leider wird Migräne in unserer Gesellschaft oft als starker Kopfschmerz definiert; sprechen wir doch einmal darüber, wie sie sich wirklich anfühlt.

Solange ich mich zurück erinnern kann, hatte ich im Sommer immer wieder Kopfschmerzen, die bis zu Übelkeit führten. Ich musste nichts machen, es reichte einfach, wenn es heiß war – schwupps, hatte ich Kopfschmerzen, die tagelang blieben und mich teilweise zum Erbrechen brachten. Ich weiß nicht, ob ich es meinen Eltern jemals gesagt habe; vermutlich verschwieg ich schon da, wie es mir ging, denn das musste ich mir erst mühsam abgewöhnen.
Als Kind kennst du Dinge wie Migräne nicht; als Teenager hörst du vielleicht mal davon, denkst aber nicht, dass du daran leiden könntest.
Meine hitzebedingten Kopfschmerzen gehörten also einfach zu mir und ich lernte, damit zu leben.

Als ich älter wurde und immer wieder zu Beginn meiner Menstruation meine sonst nur im Sommer auftretenden Kopfschmerzen hatte, weigerte ich mich lange, einzusehen, dass ich Migräne habe.
Wie so viele andere Menschen hatte ich das Bild im Kopf, dass Kopfschmerzen und Übelkeit Migräne sind – ich wollte jedoch keine neue Erkrankung haben. Mittlerweile wäre ich froh, wenn meine Migräne sich wieder nur mit diesen Symptomen äußerte und ich nie gelernt hätte, wie sie ist, wenn sie mit voller Kraft zuschlägt.

Zunächst wurden meine Kopfschmerzen häufiger.
Aus einem Tag Schmerzen wurden zwei Tage, drei, sieben. So lange, bis ich konsequent in jedem Zyklus sieben Tage Migräne am Stück hatte. Sie äußerte sich weiterhin durch unglaubliche Kopfschmerzen und Übelkeit; oft war ich so abgeschlagen, dass ich nur schlafen konnte. Ich sah ein, dass ich Migräne hatte.
Die üblichen Medikamente, die man so zu Hause hat, halfen nicht; ich musste mich also einfach durch die Anfälle quälen – dachte ich.

Eines Tages, ich wollte gerade auf der Arbeit einen Patienten aufrufen, entwickelte ich Sprachstörungen.
Ich wusste, was ich sagen wollte, doch ich konnte nicht. Ich musste mich anstrengen, den Patientennamen auszusprechen, und war mir anschließend nicht sicher, ob meine Sprache verwaschen klang. Meine Lippen kribbelten.
Nach wenigen Minuten war der Zauber vorbei; dafür war ich plötzlich so geruchsempfindlich, dass das Parfüm meines Patienten einen Würgreiz auslöste. Alles um mich herum war zu laut, zu hell, zu kreischend. Ich wollte weg, doch ich konnte nicht. Auch das ließ kurz darauf wieder nach.
Nun fing mein Arm an zu kribbeln. Alles innerhalb weniger Minuten; mein Körper schien vollkommen durchzudrehen und ich versuchte, mich zu beruhigen. Ich wusste, dass es keine Symptome für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt waren und mein Kopf sagte mir, dass es auch für einen Hirntumor untypisch wäre. Zu kurz, zu plötzlich. Nichtsdestotrotz hatte ich Angst.

Wenige Tage darauf, ich war wieder bei der Arbeit, konnte ich plötzlich nur noch scharf sehen, wenn ich mich sehr anstrengte.
Meine Augen konnten einfach nicht richtig fokussieren; alles sah verschwommen aus, wurde dann wieder schärfer, verschwamm dann wieder. Im Anschluss versagte meine Zunge ein weiteres Mal den Dienst – die Worte wollten nicht so aus mir raus, wie ich es mir wünschte.
Einen Tag später kamen die Kopfschmerzen. Schlimmer als früher. Jede Bewegung ließ mich erbrechen, ich konnte weder essen noch trinken. Musste ich zur Toilette, musste ich mich danach übergeben, weil die Bewegung zu stark war. Ich war so müde, dass ich fast den ganzen Tag schlief.
Ich beschloss, zum Arzt zu gehen.

Als ich meiner Ärztin sagte, dass ich seit einigen Jahren zunehmend unter Kopfschmerzen leide und sie für Migräne halte, hinterfragte sie, wie sich der Schmerz anfühlt; meine Beschreibung war offenbar migränetypisch.
All die anderen Beschwerden, die meinem letzten Anfall vorangegangen waren, waren sogenannte Aurasymptome; eine Aura erscheint für gewöhnlich vor einem Migräneanfall und ist ein Unterscheidungskriterium, nach dem Migräne in die klassische (mit Aura) und die gewöhnliche (ohne Aura) Form eingeteilt wird.
Mit dem Verdacht auf Migräne mit Aura wurde ich zum MRT geschickt, um vorsichtshalber auszuschließen, dass in meinem Kopf etwas drückt; das beruhigte mich sehr, denn trotz der recht klaren Symptome hatte ich Sorge, ich könnte einen Tumor haben.
Anschließend begab ich mich in neurologische Behandlung – eine bessere Entscheidung hätte ich nicht treffen können.

Seit ich regelmäßig zum Neurologen gehe und mit ihm unterschiedliche Therapieansätze ausprobiere, ist meine Migräne deutlich besser geworden.
Zunächst setzte ich die Pille ab, da sie in Verdacht stand, die langen Migräneanfälle während der Menstruation auszulösen; seither ist etwas über ein Jahr vergangen und ich hatte nur zwei Mal siebentägige Migräne.
Ich bekam Medikamente, die speziell für Migräne entwickelt wurden; sogenannte Triptane. Sie helfen oft gut, doch manchmal kommen sie nicht gegen die Migräne an; wenn die Tabletten nicht helfen, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich hinzulegen und zu hoffen, dass der Anfall nicht zu lange dauert.
Meine Migräneanfälle konnten wir mittlerweile eindeutig meinem Zyklus zuordnen; zwei Mal im Monat kann ich mich seelisch darauf einstellen, bald Migräne zu bekommen. Weil ich ausserdem weiß, wie sich meine Migräne ankündigt, bemerke ich es schon einige Tage vorher und achte dann darauf, dass ich meine Medikamente dabei habe.

Nach meiner ersten Aura hatte ich sie zunächst sehr häufig; retrospektiv stellte ich ausserdem fest, dass ich schon früher Aurasymptome hatte, diese aber nie zuordnen konnte. Ich hielt den kribbelnden Arm für einen eingeklemmten Nerv, die Sehstörungen für Schlafmangel, die Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen für eine Eigenart meines Körpers.
Jetzt warnen mich diese Dinge vor – habe ich eine Aura, versuche ich, wichtige Dinge zu erledigen, bevor der Kopfschmerz kommt. Auch Anfälle, die ohne Aura auftreten, bemerke ich nun schon früher. Ich fühle mich dann seltsam schwer und kraftlos; unterbewusst weiß ich genau, dass Migräne im Anmarsch ist, kann aber nicht sagen, wie lange es noch dauert, bis sie auftritt.

Auch meine Migräne hat sich verändert; die Übelkeit ist nur noch sehr selten da, doch dafür habe ich neue Symptome.
Plötzlich fange ich unkontrolliert an zu schwitzen. Nicht nur ein bisschen, sondern so stark, dass ich wirklich nassgeschwitzt bin; innerhalb von Sekunden bricht mit der Schweiß aus, ich fühle mich duselig, und dann hört es wieder auf. Bewege ich mich auch nur ein kleines bisschen, schwitze ich wieder. Der Schweiß riecht unangenehm krank und ich fühle mich unwohl, wenn diese Schweißausbrüche in Gegenwart anderer Menschen geschehen; nicht immer kann ich mich im Minutentakt waschen, sondern muss darauf hoffen, dass niemand etwas bemerkt.

Auch meine Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen nimmt neue Ausmaße an.
Während der Kopfschmerz nur diffus und durchaus erträglich ist, kann mich ein Einkauf überfordern – einfach, weil er zu laut ist.
Ich stehe an der Kasse und höre es aus allen Richtungen rascheln, piepen, weinen, reden. Die Lichter sind zu grell, die Menschen blinzeln zu laut. Alle atmen so furchtbar laut. Es fühlt sich an, als sei ich Darsteller in einem Film und die Kamera fahre unausweichlich immer weiter und weiter auf mich zu, bis nur noch Lichter, Geräusche und mein Kopf den Bildausschnitt dominieren. Die Kamera dreht sich um mich herum, immer schneller werdend. Ich muss mich beherrschen, nicht einfach rauszurennen, um der Situation zu entkommen. In solchen Momenten wünsche ich mir meine Kopfschmerzen mit Übelkeit zurück.

Was bleibt nun am Ende dieses Texts?

Ich hoffe, die Erkenntnis, dass Migräne nicht einfach Kopfschmerzen sind.
Wenn du zu den Menschen gehörst, die andere belächeln, weil sie sich mit Migräne krankmelden, dann überleg einmal, wie es ist, all das zu erleben, was ich in einem Migräneanfall erlebe.
Glaubst du, das ist schön? Glaubst du, das möchte man erleben?

Ich glaube, ich spreche für viele Migränepatienten, wenn ich darum bitte, dass man aufhört, uns zu belächeln. Je nach Ausprägung der Migräne kannst du sie nicht „mal eben“ behandeln.
Wie schön wäre es, wenn es so einfach wäre!
Ich nehme keine Pille mehr, mache Sport, weil der die Migräne verbessern kann (kann!), trinke nur noch selten Alkohol, weil ich in 90% der Fälle schon währenddessen Migräne entwickle (der Lernprozess ist unangenehm; in der Disko auf dem Klo zu erbrechen ist nicht gerade schön), meide Lebensmittel, von denen ich glaube, dass sie meine Migräne auslösen, halte Abstand zu Menschen, die zu stark nach irgendetwas riechen und versuche, ausreichend zu schlafen. Nichtsdestotrotz habe ich Migräne mit Aura. Wenn ich es zulasse, bestimmt die Migräne mein Leben; dagegen anzukämpfen, ist unglaublich schwer.
Zu wissen, dass es Menschen gibt, die die Schwere dieser Krankheit anzweifeln, ist eine zusätzliche Belastung, von der ich mir wünsche, dass sie aus unserer Welt verschwindet.

 

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4 Gedanken zu “… mehr als Kopfschmerz?

  1. Liebe Silja!

    Bis jetzt kannte ich Migräne nicht in diesem Ausmaß. Als Kind habe ich mitbekommen, wie meine Mutter oft einen ganzen Tag im Bett lag und sich bei jeder Bewegung übergeben musste.
    Das war für mich Migräne. (Gerade merke ich, wie komisch dieses Wort klingt … Migrääääne … haha)

    Aber ganz ehrlich. Selbst das reicht mir, um zu wissen, dass das nichts ist, was zu belächeln ist.

    Durch ein Magenproblem gab es bei mir eine Zeit, in der ich mich sehr oft übergeben musste.
    Für mich ist es der größte Horror, wenn mir Mageninhalt hoch kommt. Da hab ich lieber doppelt so lange Durchfall …
    Allein das ist für mich schon ein Grund, zu verstehen, dass Menschen mit Migräne leiden …

    Alles Liebe,
    Pia

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Pia!

      Meist ist das ja auch das gängige Bild von Migräne; man hat auch – ich zumindest – nicht großartig Lust, ständig zu erklären, was das alles wirklich beinhaltet.
      Habe ich gerade meine migränefreien Wochen, finde ich es schön, mich einfach mal nicht mit dem Thema zu befassen. 😄

      Ich finde immer alles schlimm, was irgendwie den Kopf betrifft, mit derartigen Erkrankungen fühle ich mich schrecklich. Seltsam.

      Liebe Grüße
      Silja

      Gefällt mir

  2. Hey,
    Erstmal wünsche ich dir, dass deine Migräne vielleicht einmal ganz nachlässt und verschwindet, denn zumindest in Ansätzen kann ich nachvollziehen, wie sich das anfühlt.
    Meine ehemalige Mitbewohnerin (und auch gute Freundin) hat mit der Zeit Migräne entwickelt. Ich tippe mal stark darauf, dass da der Stress seinen Teil zu beigetragen hat.
    Ich meine, sie hatte auch eine vorangehende Aura, wenn auch nicht in dem Ausmaß, in dem du es erlebst.
    Selten, wenn meine mentale Belastung sehr hoch ist, gibt es bei mir auch diese Momente, in denen alles zu viel ist. Eine Art abgeschwächte Form dessen, was du für den Supermarkt-Moment beschrieben hast.

    So oder so, belächelt werden, wenn man ernsthafte Schmerzen hat oder generell wirklich unter etwas leidet, ist mehr als unangenehm. Jeder sollte mal darüber nachdenken, wie sich das anfühlt.
    In diesem Sinne, dir alles gute vor allem für deinen Kopf (:
    Liebe Grüße, Finnja

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Finnja!

      Ja, ich hoffe auch noch darauf, dass es irgendwann einfach wieder weg ist. Der Körper erfährt im Laufe der Zeit ja immer wieder hormonelle Umstellungen, vielleicht habe ich Glück. 🙂

      Dächte jeder einmal darüber nach, wie es für einen selber ist, nicht ernst genommen zu werden, wäre unsere Gesellschaft so viel besser!

      Liebe Grüße
      Silja

      Gefällt 1 Person

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