… keine Angst vor – ja, vor was eigentlich?

Samstag war ein schöner Tag.

Meine Mutter, meine Schwester und ich waren in der Stadt unterwegs, die Sonne strahlte, die Menschen waren ausgelassen und gelöst.

Nachdem wir in der Stadt alles erledigt hatten, fuhren wir in den Baumarkt, um Kram für meinen Balkon zu kaufen. Als der Freund meiner Schwester anrief, waren wir überrascht; was er wohl wollte? Und warum lief meine Schwester aufgeregt aussehend auf uns zu, nachdem sie aufgelegt hatte?

Nun, es war der Moment gekommen, auf den ich seit Jahren gewartet hatte, den ich jedoch mitnichten herbeisehnte – in Münster war ein Anschlag verübt worden. In dieser tollen Stadt, die dazu einlädt, eine schöne Zeit zu verbringen und die Seele baumeln zu lassen. In dieser tollen Stadt, die eben auch dazu einlädt, Chaos zu verursachen.

Mein erster Gedanke war, ich kann und will es nicht leugnen: „Oh fuck, Terror.“.

Der zweite: „Ich muss meinen Kollegen anrufen, den ich vorhin in der Stadt traf.“. Zum Glück ging er ans Telefon; er hatte die Stadt bereits, wie wir, kurz vor dem Anschlag verlassen. Auch meine Freunde und Bekannte meldeten sich entweder per Whatsapp oder Facebook; mit jeder Nachricht wuchs die Erleichterung.

Ich weiß nicht, weshalb, doch als wir den Baumarkt verlassen hatten und im Auto saßen, sagte etwas in mir, dass die Annahme eines Terrorangriffs unlogisch sei. Es ist zwar, was uns mittlerweile als Erstes in den Sinn kommt, doch genau so wahrscheinlich ist, dass einfach jemand durchgedreht ist. Ein psychisch kranker Mensch, der vielleicht sein eigenes Leben nicht mehr erträgt und nicht mehr so weit denkt, dass ihm klar ist, was er anrichtet. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal.

Zuhause angekommen hätte ich gerne geweint, doch ich konnte nicht. Ich fühlte mich betroffen und doch nicht betroffen. Ich hatte mich schon oft gefragt, ob mich ein derartiges Ereignis in meiner eigenen Stadt mehr treffen würde als in einer anderen Stadt – die Antwort, das weiß ich jetzt, ist nein. Es bleibt genauso unpersönlich wie jeder andere Anschlag, so lange du nicht dabei oder durch einen Verlust betroffen bist.

Ich war und bin unglaublich froh darüber, wie toll die Münsteraner reagiert haben. Es gab keine Schaulustigen, keine Panik. Die Uniklinik rief zur Blutspende auf und konnte den Aufruf nach kurzer Zeit wieder beenden, weil so viele Menschen gekommen waren. Im Internet gingen Menschen vor gegen die Hetze und Gerüchte, die aufkamen – schön, zu sehen, dass viele Menschen mittlerweile erst abwarten möchten, was die Ermittlungen ergeben.

Nun, im Endeffekt wissen wir, dass dieser Irrsinn wirklich die Tat eines psychisch kranken Mannes war; macht es das in irgendeiner Form besser?

Ich denke, das Wissen darum, dass wir keinen Terror erlebten, verändert, wie wir uns nun weiter verhalten. Mit Sicherheit wird mich eine Weile ein seltsames Gefühl begleiten, wenn ich am Ort des Geschehens vorbei komme. Ich werde deswegen jedoch keine Angst haben. In dem kurzen Moment, den ich an Terror dachte, hatte ich Angst vor meiner für heute geplanten Zugreise. Ich musste sie aktiv bekämpfen und mir klar machen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, gering ist. Natürlich war ich erleichtert, als klar war, dass wir von einem Einzeltäter sprechen.

Für die Opfer dieses Anschlags ändert sich vermutlich nichts, nur, weil der Täter Deutscher war – ich möchte mir nicht vorstellen, wie es ist, nach solch einem Erlebnis weiter zu leben. Ich hoffe, alle Betroffenen bekommen Hilfe dabei, diesen Tag zu verarbeiten.

Obwohl ich diese angstbesetzten Gedanken hatte, finde ich wichtig, dass wir uns von Anschlägen jedweder Art nicht dauerhaft verängstigen oder einschränken lassen. Ein Moment des Innehaltens, okay, doch wollen wir ängstlich durchs Leben gehen, weil es Menschen gibt, die sich das Recht nehmen, Andere zu töten?

Ich möchte das nicht. Ich gehe schließlich auch vor die Tür, obwohl ich überfahren werden könnte.

Ich bin unglaublich glücklich darüber, dass Münster einmal mehr gezeigt hat, dass es bunt und offen ist und bleibt – egal, welcher Spießerruf uns voraus eilt.

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